Rott/Wasserburg – Regelmäßig besucht Ingeborg Blattenberger-Tauscher aus München ihren betagten Vater Franz Blattenberger in Rott. So auch am Freitag. Das Auto hatte sie vollgepackt mit Einkäufen für den Senior, am Marktplatz von Rott erledigte sie schnell noch zwei Telefonate, dann ging es Richtung Heubergstraße, wo der Vater lebt.
„Ich krachte
auf das Pflaster“
Es war ein eher kühler Tag, als die 72-Jährige am etwas abgelegenen Grundstück des Hauses vollbepackt mit Tüten voller Lebensmittel über eine Betonschwelle fiel und stürzte. „Ich krachte auf das Pflaster, der rechte Oberschenkel und die Hüfte reagierten mit starken Schmerzen. Ich konnte nicht mehr aufstehen“, berichtet sie.
Es war Freitagabend, niemand hörte ihre Hilferufe. Ingeborg Blattenberger-Tauscher versuchte verzweifelt, näher an die Haustür ihres Vaters heranzurobben, doch irgendwann verließen sie ihre Kräfte. Hilflos, allein, am Boden gefesselt, nur mit einer dünnen Sommerhose bekleidet, mit einem Handy, das keine Akkuleistung mehr zeigte, mit starken Schmerzen: So lag sie da, achteinhalb Stunden lang. Gegen eine Unterkühlung half nur ein Schal, den sie sich provisorisch umwickelte, außerdem ihr eiserner Wille, auf keinen Fall das Bewusstsein zu verlieren.
Es war eine endlos lange Nacht im Freien, die erst um 5.20 Uhr endete. Denn zu dieser Zeit erschien ihr erster Retter, Csaba Grega, Zusteller der Wasserburger Zeitung. Dass er frühmorgens erscheinen würde, hatte die Münchenerin gewusst. Und darauf gehofft. In der Tat hörte Csaba Grega die Hilferufe und eilte herbei. „Er war sehr geschockt, als er mich da liegen sah, hat mir aber sofort Mut zugesprochen“, sagt Ingeborg Blattenberger-Tauscher.
Der Zusteller rief seine Frau an, eine Krankenschwester. Die sprang aus dem Bett, stieg ins Auto und eilte blitzschnell herbei. Im Gepäck: ihre Daunenjacke, um der frierenden Seniorin etwas Wärme zu verleihen. „Sie war so mutig, hat nicht einmal geweint“, erinnert sich Eva Grega, die nach wie vor nicht fassen kann, dass Ingeborg Blattenberger-Tauscher mit den starken Schmerzen bei etwa neun Grad Außentemperatur stundenlang im Freien gelegen hatte, ohne ohnmächtig zu werden. Das Paar Grega stand der Schwerverletzten tröstend („sie haben mich liebevoll gestreichelt“) bei, bis die Rettungssanitäter des BRK erschienen. Mit dem Wagen konnten sie an Ingeborg Blattenberger-Tauscher aufgrund der Enge am Unglücksort jedoch nicht heranfahren. Nach einer ersten Behandlung gegen die Schmerzen trugen Marian Fiolka, hauptberuflicher Notfallsanitäter der BRK-Rettungswache Wasserburg, und Benjamin Huber, ehrenamtlicher Rettungssanitäter des BRK, die Verunglückte mit einer Decke bis zum Rettungswagen. Dort wurde sie auf die Trage gehoben, ab ging es in die Notaufnahme der Romed-Klinik Wasserburg.
Im Krankenwagen schlossen Marian Fiolka und Benjamin Huber das Handy der Verletzten an, sodass sie endlich ihre Angehörigen informieren konnten. „Sie war sehr tapfer und erstaunlich gut drauf, für das, was ihr passiert ist“, erinnert sich Fiolka. Huber kann es nach wie vor nicht fassen, wie gefasst die Patientin war, als er und Fiolka am Unfallort ankamen.
Stürze älterer Menschen mit Oberschenkelhalsbruch sind für sie medizinisch nichts Besonderes, der Einsatz war es trotzdem: Denn Fiolka feierte fast auf den Tag genau das 30-jährige Berufsjubiläum. Es bescherte ihm einen Einsatz mit einer Patientin, „die sehr gut mitgemacht hat“. Was ihn und seinen Kollegen Huber „narrisch freute“: dass sich Ingeborg Blattenberger-Tauscher an die Wasserburger Zeitung wandte, um ihren vielen Helfern in der Not nachträglich zu danken. „Das war eine sehr schöne Geste“, sagen die Rettungs- und Notfallsanitäter des BRK.
In der Romed-Klinik Wasserburg ging die fürsorgliche Betreuung der geschockten Münchnerin weiter: „Ich war total verdreckt, voller Gras und Erde. Das war mir so peinlich. Doch das Pflegepersonal und ein junger Arzt haben mir jegliche Scham genommen.“
Der nächste Schreck folgte nach der Untersuchung: sofortige Operation! Ingeborg Blattenberger-Tauscher wurde ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt. „Mir wurde alles genau erklärt. Ich fühlte mich gut aufgehoben“, erinnert sie sich. Die glatte Fraktur des Oberschenkels blieb ohne schwerwiegende Langzeitfolgen, obwohl die Patientin an schwerer Osteoporose erkrankt ist.
Sie kann sich auf Krücken bereits gut vorwärtsbewegen und hat am vergangenen Freitag die Reha angetreten. Auch bei deren Organisation gab es nach ihren Angaben Helden des Alltags: Der Sozialdienst vom Romed habe sich rührend um Anschlussbehandlungen gekümmert, alles Wichtige erledigt.
Dickes Lob
an alle Retter
„Dickes Lob an alle, die mir nach fast neun Stunden absoluter Hilflosigkeit so geholfen haben: vom Zusteller der Wasserburger Zeitung und seiner Frau bis zu den Sanitätern, vom Pflegepersonal bis zu den Ärzten und zum Sozialdienst von Romed.“ Diese Fürsorglichkeit habe dafür gesorgt, dass sie die schlimmen Stunden seelisch gut verarbeitet habe, berichtet die pensionierte Lehrerin. In der Tat klingt sie frohgemut und optimistisch, was die weitere Genesung und Mobilität angeht. „Ich möchte mich bei allen bedanken. Diese Hilfsbereitschaft werde ich niemals vergessen. Ich finde, das ist nicht selbstverständlich und muss auch mal ausgesprochen werden. Wir sollten nicht immer nur klagen über alles, was schiefläuft, sondern auch mal würdigen, wenn was richtig gut geht“, sagt sie.