Es ist ein spannender Tag, auch für die Händler an der Börse. Nicht unbedingt weil sie Händler sind, sondern Wähler. Der Einfluss einer Bundestagswahl war in den Vergangenheit immer eher überschaubar. „Die anstehende Bundestagswahl wird zu keiner großen Überraschung führen und somit die Finanzmärkte nur wenig bewegen“, sagt Jördis Hengelbrock, Portfolio-Managerin beim Bankhaus Sal Oppenheim.
Das sehen andere Beobachter ähnlich, zumal klar scheint, dass auch die neue Bundesregierung von der aktuellen Kanzlerin geführt wird. „Frau Merkel steckt höchstwahrscheinlich schon in den Kursen drin“, glaubt Wieland Staud vom gleichnamigen Analysehaus. Dazu kommt für die meisten, dass anders als bei den Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich, kaum Risiken mit der Abstimmung in Deutschland einhergehen.
Zwar wird die AfD wohl in den Bundestag einziehen, aber sie spielt nicht die Rolle wie vor wenigen Monaten die Rechtsparteien in den Nachbarländern. Carsten Brzeski, Chef-Volkswirt der ING DiBa, aber warnt: In den Niederlanden hätten die Rechten auch 13 Prozent bekommen und für Unruhe gesorgt.
Eher stellt sich die Frage, ob ein Wahlsieg der Union für die Börse und die Anleger mehr gebracht hat – und bringen könnte – als ein Sieg der SPD. Vordergründig lief es unter den Regierungen von Helmut Kohl gut. Der Dax kam im Schnitt auf ein Jahresplus von 12 Prozent. Bei Merkel waren es durchschnittlich acht Prozent (mit der FDP und dann mit der SPD).
Unter den SPD-Kanzlern Brandt, Schmidt und Schröder gab es ein Minus oder nur leichte Plusraten. „Die SPD hatte einfach das Pech, im historisch schlechtesten Jahr für den Dax die Bundestagswahlen zu gewinnen“, sagt Hengelbrock mit Blick auf 2002. Damals sackte das Börsenbarometer unter anderem wegen Bilanzskandalen und einer schwachen Weltkonjunktur um satte 44 Prozent ab.
2017 sieht es für den Wahlsieger deutlich besser aus: Trotz zwischenzeitlicher Rückschläge steht der Dax derzeit mit rund 12 600 fast zehn Prozent höher als Ende 2016. Und die Aussichten sind durchaus rosig. Viele Experten haben für das Jahresende 13 000 Punkte im Blick, 13 500 für Mitte 2018. Die Zinsen bleiben niedrig, womit Anlage-Alternativen fehlen, die Konjunktur läuft in Deutschland und Europa.
Auch weltweit stehen die Ampeln auf grün. Das beflügelt die Gewinnaussichten der Unternehmen. 2018 könnte es einen neuen Dividendenrekord geben. Es gibt aber Risiken: US-Aktien seien zu teuer, glaubt Andreas Hürkamp von der Commerzbank. Das erhöht die Gefahr eines Rückschlages. Markus Reinwand von der Helaba sieht eine „angespannte Bewertungssituation“. Für das Jahresende erwartet er nur 12 000 Punkte. Dann wabert im Hintergrund die Krise in Nordkorea. Das sorgt auch Börsianer. Ganz im Gegensatz zur Bundestagswahl. Rolf Obertreis