Bewertungen von Kunden im Internet entsprechen oft nicht den Bewertungen der Stiftung Warentest. Nur in knapp einem Drittel von gut 1300 untersuchten Elektronikprodukten war der Testsieger von Stiftung Warentest auch der mit der besten Bewertung bei Amazon, wie eine Studie der Technischen Universität Dortmund ergab, aus der die Stiftung Warentest zitierte – an der sie selbst aber nicht beteiligt war, wie die Stiftung betont.
Stiftung: Mangelhaft Amazon: 4 Sterne
Die Technische Universität Dortmund verglich die Bewertungen von Amazon-Kunden für 1322 Elektronikprodukte wie Smartphones, Kopfhörer und Toaster mit Testurteilen der Stiftung Warentest aus den Jahren 2014 bis 2017. Produkte, die bei der Stiftung Warentest „ausreichend“ bis „mangelhaft“ abgeschnitten haben, bekamen bei Amazon oft noch vier (von fünf) Sterne. Zum Beispiel ein Drucker, dem die Stiftung attestierte, er liefere mäßige Ausdrucke und Kopien bei hohen Tintenkosten. Von den 255 Amazon-Kritikern entdeckte tatsächlich auch ein Viertel Mängel bei dem Gerät und äußerte sich unzufrieden.
Warum es dennoch vier Sterne gab? Amazon errechnet keine Durchschnittsbewertung, sondern gewichtet nach eigenen Kriterien mittels eines maschinell gelernten Modells. Es berücksichtigt den Angaben zufolge Faktoren wie das Alter einer Bewertung, die Beurteilung der Nützlichkeit durch Kunden oder ob die Bewertungen aus geprüften Einkäufen stammen.
Aus diesem Grund kam auch ein Toaster zu vier Sternen, dem von 442 Amazon-Kunden beachtliche 56 nur einen Stern gaben, weil das Gerät schnell kaputtgegangen war. 19 weitere unzufriedene Rezensenten vergaben zwei Sterne. Dennoch errechnete das Amazon-Modell die letztlich überdurchschnittliche Bewertung.
Laien stoßen zudem oft an ihre Grenzen. Sie können Produkte nicht im Labor auf Schadstoffe testen oder Datenströme messen. Deshalb bekam eine Überwachungskamera, die leicht von Hackern zu knacken war und bei der Benutzername und Passwort unverschlüsselt im Internet landeten, bei 1500 Amazon-Bewertungen fabelhafte 4,5 Sterne. Die Kunden konnten die Sicherheitslücken anders als die Stiftung nicht aufspüren. Das Urteil der Profit-Tester für die Kamera lautete denn auch „mangelhaft“.
Noch ein Beispiel: Ein Haarglätter, der bei den Amazon-Kunden so gut ankam, dass sie vier Sterne spendierten, fiel bei der Stiftung Warentest glatt durch. Grund: Das Gehäuse erhitzte sich auf über 90 Grad, zudem schaltete sich das Gerät nicht wie viele andere nach einer gewissen Zeit selbst aus: Brandgefahr.
Warum es so große Unterschiede gibt
Die Stiftung Warentest nannte zwei Gründe, warum die Urteile in vielen Fällen auseinandergehen. Zum einen sei das Mittelmaß bei Amazon unterrepräsentiert – vor allem Käufer, die sich sehr positiv oder sehr negativ äußern, machen sich die Mühe einer Bewertung. Die Stiftung Warentest ist da leidenschaftslos, die Tester sind nicht enttäuscht, wenn ein teures Produkt nicht den Vorstellungen entspricht. Außerdem vergleichen sie anders als private Rezensenten mehrere Geräte miteinander.
Wie man dennoch profitieren kann
Die Bewertungen anderer Käufer im Internet seien dennoch „nützliche Hinweise“, erklärte die Stiftung Warentest weiter. Dazu müssten sie aber richtig genutzt werden.
. Potenzielle Käufer sollten bei den negativen Kritiken nach Übereinstimmungen suchen, die auf einen Mangel hinweisen könnten. Klagen mehrere Nutzer über denselben Mangel, ist das ein Indiz für eine Schwachstelle.
. Über die Suchfunktion am PC kann man nach Schlagworten wie etwa „kaputt“ oder „defekt“ suchen.
. Bemerkungen wie „Ware flott geliefert“ sollte man nicht weiter beachten. Das führt zwar zu einer besseren Bewertung, sagt aber natürlich nichts über die Qualität des Produktes.
. Vorsicht ist bei besonders langen Bewertungen geboten – sie könnten von bezahlten Rezensenten stammen. Es gibt Firmen, die Amazon-Kunden über Facebook anwerben und dafür bezahlen, bestimmte Produkte zu kaufen und mit fünf Sternen zu bewerten. Bei Zweifeln können Verbraucher auf das Amazon-Profil eines solchen Rezensenten klicken und sich seine übrigen Kritiken anschauen. „Wer im Monat zehn Handys bewertet“, so die Stiftung Warentest, „ist sehr wahrscheinlich kein gewöhnlicher Verbraucher.“ com, afp