Kostenlose Einwegtüte vor dem Aus

von Redaktion

Im Kampf gegen Plastikmüll verlangt der Discounter Aldi für Obst- und Gemüsetüten demnächst einen „symbolischen Cent“. Die Maßnahme soll Verbraucher an der Obst- und Gemüsetheke zum Umdenken bewegen.

VON SEBASTIAN HÖLZLE

Der Lebensmitteldiscounter Aldi schafft die dünnen Plastiktüten für Obst und Gemüse ab und will seinen Kunden ab Sommer stattdessen einen Beutel aus „Bioplastik“ anbieten – für einen Cent pro Tüten. Die Tüten seien von Sommer an in allen Filialen von Aldi Nord und Aldi Süd kostenpflichtig erhältlich, teilten die beiden Unternehmensgruppen am Dienstag in Essen und Mülheim an der Ruhr mit.

Was erhofft sich Aldi durch die Offensive?

Der „symbolische Cent“ soll die Kunden des Discounters dazu bewegen, einen Bogen um die Gemüsetüten zu machen. Als zusätzliche Alternative will Aldi waschbare Mehrwegnetze anbieten. Aldi hofft auf einen ähnlichen Effekt, wie beim kostenpflichtigen Verkauf großer Tragetaschen vor drei Jahren: Seit der Selbstverpflichtung des Handels sei der Verbrauch der Tragetaschen aus Kunststoff um zwei Drittel zurückgegangen.

Wird bei Einwegtüten ein ähnlicher Effekt zu beobachten sein?

Ob ein Cent für eine Verhaltensänderung der Kunden ausreicht, ist zumindest fraglich. „Wenn Aldi es ernst meint mit Umweltschutz, dann sollten die Einwegtütchen mindestens 22 Cent kosten“, kritisierte etwa die Deutsche Umwelthilfe. Eine Sprecherin von Greenpeace nannte die Initiative „Augenwischerei“. Aldi verfolgt mit seinem Vorstoß aber noch einen anderen Zweck: Der Lebensmittel-Gigant will den Standard in der Branche setzen. „Wir würden uns freuen, wenn andere Händler mitziehen“, teilte das Unternehmen mit. Denn nur durch eine branchenweite Lösung könne bei der Reduzierung der Plastiktüte ein großer Schritt nach vorne gemacht werden.

Gibt es bereits Händler, die mitziehen wollen?

Nein – stattdessen hagelt es Kritik von der Konkurrenz: Ein Edeka-Sprecher verwies darauf, dass die Einwegtüten im Discount ohnehin kaum eine Rolle spielten, da dort nur wenige Produkte lose verkauft würden. Auch der „symbolische Cent“ stößt auf Missfallen: „Bisher werden die Kontenbeutel dem Kunden frei zur Verfügung gestellt. Diesen Service lässt sich Aldi zukünftig bezahlen und verdient auch noch an der Maßnahme“, rügte der Edeka-Sprecher. Dagegen setze Edeka auf einen ganzheitlichen Ansatz zur Plastikreduktion. Ähnlich äußerte sich die Edeka-Tochter Netto. Die Handelsgruppe Rewe verwies darauf, dass sie sowohl in den Rewe-Märkten als auch bei der Discount-Tochter Penny neben Einwegtüten auch Mehrwegnetze für Obst und Gemüse anbiete. Und andere Supermarktketten planen seit Langem das Aus der Einwegtüte: Im Februar hatte Real angekündigt, Plastikbeutel in der Obst- und Gemüseabteilung abzuschaffen. Kunden sollten stattdessen auf waschbare Mehrwegnetze oder Papiertüten aus recyceltem Papier zurückgreifen.

Während Real Papier als Alternative sieht, vertraut Aldi auf sogenanntes „Bioplastik“. Was ist das?

Aldi Süd verspricht, dass die ein Cent teuren Obst- und Gemüsebeutel künftig aus einem nachwachsenden Rohstoff bestehen. Dieser Rohstoff falle bei der Zuckerrohrproduktion an, heißt es in der Mitteilung des Discounters. „Der Vorteil des Beutels ist, dass bei der Herstellung kein Erdöl verwendet wird.“

Ist die „Biotüte“ damit auch umweltfreundlicher?

Nein, heißt es beim Umweltverband Nabu. „Bisher ist noch kein ökologischer Vorteil gegenüber der klassischen Plastiktüte nachzuweisen“, sagte Nabu-Expertin Verena Bax. Biobasierte Tüten würden meist aus Ethanol hergestellt, das zum Beispiel aus brasilianischem Zuckerrohr gewonnen würde. „Für den Anbau benötigt man riesige Flächen, außerdem werden Pestizide und mineralische Dünger eingesetzt“, ergänzte Bax. Diese seien klimaschädlich in der Produktion und hätten starke negative Auswirkungen auf Boden, Wasser, Luft und die biologische Vielfalt. Die Bezeichnung „Bioplastik“ sei daher irreführend.

Sind Tüten aus „Bioplastik“ immerhin kompostierbar?

Nein. „Die Bezeichnung Biokunststoff suggeriert, dass die Stoffe abbaubar sind – das ist nicht der Fall“, erklärt Bax. Das aus Zuckerrohr gewonnene Ethanol wird laut Nabu zur Herstellung konventioneller Kunststoffe wie PE (Polyethylen) und PET (Polyethylenterephthalat) genutzt – also herkömmlichem Kunststoff. Auch Aldi Süd weist bei seinem jüngsten Vorstoß die Kunden darauf hin: „Die biobasierte Variante wird, wie üblicher Kunststoff, über die gelbe Tonne entsorgt und kann somit auch wieder recycelt werden.“

Gibt es auch biologisch abbaubare Tüten?

Grundsätzlich ja. Die größten Mengen kompostierbarer Kunststoffe bestehen laut Nabu aus Mais- oder Kartoffelstärke, die zu sogenannten Polymilchsäuren (PLA) verarbeitet werden. Problem dabei: „Abbaubar sind solche Tüten nur unter bestimmten Bedingungen in einer industriellen Anlage“, erklärte Bax. Daher gilt auch bei Tüten, die als biologisch abbaubar gelten: „Diese Tüten dürfen auf keinen Fall in die Natur oder ins Wasser gelangen.“

Sind Papiertüten immerhin eine echte Alternative?

„Papierbeutel sind sogar noch ungünstiger als Plastikbeutel“, sagte Bax. Für die Herstellung würden oft sogenannte Frischfasern verwendet. Das heißt, die Hersteller verzichten auf Altpapier, um die Tüten widerstandsfähig zu machen. „Die Herstellung ist dabei sehr energie- und wasserintensiv.“ Die Folge: Eine Frischfasertüte müsse etwa dreimal so oft genutzt werden wie eine erdölbasierte Plastiktüte, damit sich die Klimabilanz ausgleiche.

Wie sieht es mit Jutebeuteln aus?

„Ein Jutebeutel muss sehr oft genutzt werden, bis er ökologische Vorteile bietet“, sagte Bax. Denn die Produktion belaste die Umwelt sehr stark durch den hohen Wasserverbrauch und den starken Pestizideinsatz. Ein Beutel aus Baumwolle zum Beispiel müsse über 100 Mal so oft genutzt werden wie eine erdölbasierte Kunststofftüte, um die schlechtere Klimabilanz auszugleichen.

Wie sollten sich Verbraucher angesichts des Tüten-Wirrwarrs verhalten?

Der Nabu nennt vier Faustregeln zum ökologisch schonenden Einkauf:

.  Plastiktüten vermeiden: Immer eigene Taschen, Rucksäcke, Beutel und alte Tüten mitnehmen.

. Wenn doch mal eine Einwegtüte – ob aus Plastik oder Papier – nötig war: Tüte so oft wie möglich wieder benutzen.

. Erst wenn zu dreckig oder kaputt: Plastiktüte als Müllbeutel nutzen.

. Egal welches Material: Keine Tüten- oder Beutelberge anhäufen, auch Papiertüten und Baumwollbeutebeutel sind ökologisch nicht besser als die Plastiktüte, wenn sie nicht mehrfach genutzt werden.

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