Was bringt ein Plastiktütenverbot?

von Redaktion

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) will die Plastiktüten an der Ladenkasse verbieten. Der Gesetzentwurf dafür liegt jetzt vor. Was halten Handel und Umweltschützer von dem Verbot? Welche Alternativen gibt es zur Plastiktüte?

Die Bundesbürger haben ihren Plastiktütenverbrauch drastisch reduziert – von 71 auf nur noch 20 Tüten pro Kopf und Jahr. Die Vorgaben der Europäischen Union (siehe Grafik) sind damit deutlich übererfüllt. Trotzdem plant Umweltministerin Svenja Schulze ab 2020 ein Verbot. Ihr Gesetzesentwurf sieht vor, dass Händlern bei Verstößen Geldstrafen von bis zu 100 000 Euro drohen.

Der Handel reagiert mit Unverständnis auf die Initiative. Das Verbot sei ein Vertrags- und Vertrauensbruch, sagte Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE). Genth verwies auf eine Vereinbarung mit dem Bundesumweltminsterium aus dem Jahr 2016.

Der Handel ist sauer

Damals hatten sich die Händler dazu verpflichtet, Plastiktüten nicht mehr kostenlos abzugeben, um den Verbrauch zu senken. Die aktuellen Daten, so Genth, würden belegen, dass der Handel Wort gehalten habe und die Vereinbarung erfolgreich sei. Dass die Ministerin nun trotzdem ein Verbot vorantreibt, bezeichnet er als „reine Symbolpolitik“.

Genauso sehen dies übrigens auch Umweltschützer. Zumal sich die Frage nach den Alternativen stelle. Papiertüten etwa sind zwar in der Umwelt leichter abbaubar, haben sonst aber keine bessere Ökobilanz als Plastik, wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) betont. Er fordert eine gesetzliche Abgabe auf alle Einwegtaschen.

Nur 1 Prozent des Mülls

Selbst ein Sprecher des Bundesumweltministeriums hatte noch im Frühjahr gesagt, bei den Plastiktüten gehe es „im Grunde genommen um Peanuts“: Sie machten weniger als ein Prozent des Verpackungsaufkommens aus Kunststoff aus.

Die Grünen kritisierten, dass nicht auch die Tüten an der Obsttheke verboten werden. Statt Mehrwegalternativen zu fördern, schiebe Schulze die Verantwortung den Verbraucherinnen und Verbrauchern zu, erklärte die umweltpolitische Sprecherin der Fraktion, Bettina Hofmann. Der Koalition fehle ein Gesamtkonzept zur Vermeidung von Einwegplastik und der Förderung von Mehrweglösungen.

Obsttütchen bleiben

Schulze erklärte, würde man auch die dünnen Tüten verbieten, bestehe die Gefahr, dass noch mehr Obst und Gemüse in verschweißten Packungen in die Läden komme. „Das will ich nicht noch befördern“, sagte sie. Sie sei außerdem mit dem Handel in der Diskussion über Alternativen. Bis zum Herbst soll der Handel darlegen, wie der Einsatz von Plastikverpackungen deutlich reduziert werden kann.

Das geplante Verbot soll dem Entwurf zufolge auch „bio-basierte und bio-abbaubare Kunststofftragetaschen“ umfassen. Vor der Annahme, sogenanntes Bio-Plastik löse die Umweltprobleme, hatte Schulze erst kürzlich gewarnt. „Das angebliche Bio-Plastik ist leider meistens eine Mogelpackung“ und verrotte nicht wie echter Biomüll, sagte sie. „Es gibt so gut wie kein umweltfreundliches Bio-Plastik auf dem Markt.“

Das sieht auch Katharina Istel vom Nabu so. Die Referentin für Ressourcenpolitik fürchtet, dass Plastiktüten nach einem Verbot vor allem durch Papiertüten ersetzt werden könnten und das wäre aus ihrer Sicht fatal. Denn gesamtökologisch seien sie nicht besser als eine normale Kunststofftüte.

Papier ist keine Lösung

Der Grund: „Papiertüten sind fast immer aus Frischfaser, es gibt nur wenige Tüten aus echtem Altpapier, die erkennt man am Blauen Engel. Die Herstellung von Zellulose für Papiertüten ist äußerst energie- und wasseraufwendig“, erklärt Istel. Um sie möglichst stabil zu machen, sei sehr viel Material sowie lange und chemisch behandelte Fasern nötig. „Das heißt, dass Einwegtüten aus frischen Papierfasern schätzungsweise mindestens dreimal so oft genutzt werden müssen wie eine Plastiktüte, damit sich die Klimabilanz ausgleicht.“ Hinzu komme, dass die Nachfrage nach Holz für die Papierproduktion die Ökosysteme zusätzlich belaste. Das bessere Umwelt-Image von Papier sei übrigens mit ein Grund, warum Online-Händler ihre Ware in Kartons verschickten. Plastikversandbeutel, so Istel, hätten in diesem Fall sicher die bessere Ökobilanz.

Besser als für die Papiertüte fällt die Bewertung der Umweltschützerin für Baumwollbeutel aus. Aber nur, wenn er „richtig oft genutzt wird“. Denn auch die Produktion von Baumwolle belastet die Umwelt stark durch den hohen Wasserverbrauch und den großen Einsatz von Pestiziden. Experten schätzen deshalb, dass man einen Baumwollbeutel zwischen 50- und 150-mal benutzen muss, um die schlechtere Klimabilanz auszugleichen.

Problemfall Hundekot?

Übrigens: Hundehalter, die die Häuferl ihrer Zamperl in der Plastiktüte entsorgen, müssen laut Istel kein schlechtes Gewissen haben. „Der gehört in den Restmüll. Dafür gibt’s keine Alternative. In diesem Fall ist nur entscheidend, dass die Tüte dann auch wirklich im Müll landet und nicht im Park liegen bleibt.“

Ginge es nach dem Naturschutzbund, dann gäbe es in Sachen „Plastik“ durchaus eine Alternative zu einem Plastikverbot: Und zwar eine Art Rabatt- oder Bonussystem, das Kunden belohnt, die ihre eigenen Taschen und Auffüllgefäße ins Geschäft mitbringen.  wdp, dpa

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