Kommt sie oder kommt sie nicht? Jedes Jahr in den November-Tagen fragen sich Börsianer, ob es bis Jahresende mit den Kursen noch deutlich aufwärts geht, also eine Jahresend-Rally ansteht. Zumindest eine Herbst-Rally hat es schon gegeben. Schließlich ist der Deutsche Aktienindex Dax zuletzt zeitweise auf mehr als 13 300 Zähler geklettert. Seit Ende 2018 bedeutet dies ein sattes Plus von 26 Prozent. In den USA kletterten die Börsenindizes sogar auf neue Höchststände.
Das könnte hierzulande auch passieren, wenn es nach der Herbst- noch auch noch eine Dezember-Rallye geben würde. Markus Reinwand von der Landesbank Hessen-Thüringen ist da eher skeptisch. Er spricht mit Blick auf die letzten Wochen von einer „gewissen Überhitzung“. Das zeigte sich in der dritten November-Woche. Der Dax rutschte zeitweise auf nur noch 13 040 Punkte ab. Aber ein Blick in die Historie zeigt nach Ansicht von Reinwand: Es kann durchaus noch etwas gehen. War der Dax in der Vergangenheit bis Ende Oktober um 20 bis 30 Prozent gestiegen, landete er am Jahresende im schlechtesten Fall immer noch bei einem Plus von 22 Prozent. Im besten Fall hat der Index sogar um 47 Prozent zugelegt. So gesehen scheint schon heute festzustehen, dass sich das Börsenjahr 2019 sehen lassen kann, glaubt auch Michael Bissinger von der DZ Bank.
Für Robert Halver von der Baader Bank steht fest, dass es im Dezember nicht zu einem Ausverkauf und damit zu einem Einbruch der Kurse wie im vergangenen Jahr kommen wird. Er verweist auf den immer noch ungelösten Handelsstreit zwischen den USA und China, wie andere Börsianer auch. Zwar waren zuletzt Fortschritte erkennbar. Dass freilich hat wenig zu sagen. „Allerdings werden Amerikaner und Chinesen die Handelsgespräche aus wirtschaftlichen Gründen mit Blick auf Trumps Wiederwahlabsichten nicht erneut zum Entgleisen bringen“, ist Halver überzeugt. Und immerhin: Der Mann aus dem Weißen Haus hat die europäische Autoindustrie bislang nicht mit Zöllen belegt.
Nicht nur DZ Banker Bissinger warnt gleichzeitig vor überzogenen Erwartungen. „Die Bewertung des Marktes ist nicht mehr günstig. Die Kurse haben bereits einiges von der Wende zum Besseren vorweggenommen“. Aber generell spricht weiter viel für Aktien.
Christine Lagarde, die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) will erst einmal an der Niedrigzins-Politik festhalten, wie sie am Freitag bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt in ihrer neuen Funktion sagte. Damit bleiben Anleihen und Sparanlagen weiter unattraktiv, zumal jetzt erste Banken vom ersten Euro an auf dem Tagesgeld-Konto Sparer mit einem Negativzins belasten. Damit spricht noch mehr für eine solide, langfristig ausgerichtete Aktienanlage.
ROLF OBERTREIS