„Klotzen statt kleckern“

von Redaktion

Was die Europäische Zentralbank am Donnerstag nicht geschafft hat, schaffte gestern das gemeinsames Handeln der Politik: entspanntere Gesichter an der Deutschen Börse – zumindest vorübergehend.

VON ROLF OBERTREIS

Es war der schlimmste Börsentag seit fast 33 Jahren, seit dem schwarzen Montag am 16. Oktober 1989. Um fast 13 Prozent und zeitweise fast 1400 Punkte stürzt der Deutsche Aktienindex Dax am Donnerstag ab. Dabei waren die Kurse schon in den beiden Wochen davor dramatisch abgerutscht. Händler und Anleger schauen entsetzt auf die große Anzeigentafel im Frankfurter Handelssaal.

Auch das Notfallpaket der Europäischen Zentralbank (EZB) verpufft. Weil Experten wissen: Die Notenbank kann die Ausbreitung des Virus nicht stoppen, kann keine Lieferketten schließen und Angebots- und Nachfrageschocks überwinden. Am Freitag hellen sich Mienen auch an der Börse auf, weil endlich die Politik in Berlin und auch in Brüssel reagiert. Eine halbe Billion Euro stellt die Bundesregierung für Unternehmen bereit.

Der Dax springt dadurch zeitweise um mehr als sieben Prozent nach oben, nähert sich langsam wieder der Schwelle von 10 000 Punkten. „Das ist ein ,Whatever it takes’ der Bundesregierung“, lobt Deka-Bank-Chef Volkswirt Ulrich Kater die Zusage der Bundesregierung. „Deutschland schaltet zu Recht auf ‚Whatever it takes’. Statt zu kleckern wird geklotzt“, sagt auch Commerzbank-Chef-Ökonom Jörg Krämer. Genauso wie der EZB in der Eurokrise 2012 richtig gehandelt habe, tue es jetzt die Bundesregierung. „Das ist genau die Nachricht, die die Abwärtsspirale der Erwartungen durchbrechen kann“, hofft Kater. An der Börse wird die Zukunft gehandelt. Die sehen die Händler jetzt nicht mehr ganz so schwarz.

Die Deutsche Börse ist überzeugt, in das dramatisch verlaufende Geschehen nicht eingreifen zu müssen, wie es in der abgelaufenen Woche zwei Mal in New York der Fall war, wo der Handel kurzzeitig unterbrochen wurde, um die Talfahrt der Kurse zu stoppen. In Frankfurt wird der laufende Handel nur dann für zwei Minuten für eine Auktion gestoppt, allerdings nur für einzelne Aktien, wenn es dort ungewöhnlich starke Ausschläge gibt. Werde ganz ausgesetzt, führe das zu noch höherer Unsicherheit bei den Marktteilnehmern, sagt ein Börsensprecher.

Auch ein Leerverkaufsverbot gibt es nicht. Damit wetten Anleger auf einen Kursverfall einer Aktie. Sie verkaufen zuvor geliehene Aktien auf Termin, in der Hoffnung, sie dann wieder günstiger kaufen zu können und damit einen Gewinn einzustreichen. In Spanien und Italien hatte es jüngst solche Verbote gegeben.

An der Börse war das zum Wochenschluss kein Thema. Die Kurse einzelner Papiere wie etwa Lufthansa legen zeitweise um bis zu 20 Prozent zu. Die Märkte hätten in den letzten Tagen „nach unten“ übertrieben, glaubt Markus Reinwand von der Landesbank Hessen-Thüringen. Anleger handelten vollkommen irrational und ließen sich von ihren Emotionen treiben, sagt Jochen Stanzl, Chef-Analyst bei CMC Markets. Reinwand sieht Aktien mittlerweile „klar unterbewertet“. Das faire Bewertungsband im Dax liege derzeit bei 11 700 Punkten mit dem unteren Rand bei 10 000. Er erwartet den Index zum Jahresende bei 12 000 Punkten.

Erheblich vorsichtiger ist DZ-Bank-Stratege Christian Kahler. Weil die Gewinne der Unternehmen in diesem Jahr um bis 20 Prozent fallen könnten, könnte der Dax weiter auf Werte zwischen 8000 und 9000 Punkte abrutschen und sein Tief womöglich erst im Mai erreichen. Dann rechnet Kahler wieder mit freundlicheren Börsenzeiten, weil die Wirtschaft wieder zur Normalität zurückkehre. Zum Jahresende erwartet er 11 500 Dax-Punkte. Freilich: Kahler wie auch Reinwand nennen mit ihren Prognosen Hoffnungswerte. Schließlich weiß niemand, wie stark sich die Virus-Epidemie noch ausbreitet. Die Verunsicherung bleibt hoch, solange die neuen Fallzahlen nicht zurückgehen. Zum Börsenschluss am Freitag war es denn auch mit den Pluszeichen wieder vorbei: Der Dax kann zum Ende einer schwarzen Woche seine Gewinne kaum halten. Auf Wochensicht bleibt ein massiver Verlust von rund 20 Prozent. Seit dem Dax-Rekord Mitte Februar hat der Index rund ein Drittel verloren.

Deutsche Börse greift nicht ein

Übertreibungen nach unten

Tiefpunkt vielleicht erst im Mai

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