Nach tagelangen dramatischen Kursverlusten hellten sich die Mienen bei Händlern und Anlegern zum Ende der ersten Woche mit drastischen Corona-Pandemie-Einschränkungen auch in Deutschland und Prognosen für einen weltweit nahezu beispiellosen Wirtschaftseinbruch wieder etwas auf. Zwei Tage lang ging es im Deutschen Aktienindex Dax nach oben, am Freitag zeitweise um mehr als sechs Prozent auf 9200 Zähler, bevor der Index wieder abrutschte und im Tagesverlauf um die Marke von 9000 schwankte. Immerhin noch ein Plus von rund 3,5 Prozent. Aber auf Wochensicht steht wieder ein Minus von rund sieben Prozent. Und für die vergangenen vier Wochen bleiben die Verluste mit rund 35 Prozent weiter mehr als massiv.
Ganz offensichtlich zeigen die riesigen Finanzspritzen der Zentralbanken – allein mittlerweile mehr als 850 Milliarden Euro von der Europäischen Zentralbank (EZB) – und die historisch einmaligen Rettungs- und Unterstützungsprogramme der Regierungen für Wirtschaft, Unternehmen und Finanzmärkte Wirkung. Die dramatisch negativen Wirtschaftsprognosen sind auch an der Börse angekommen und spiegeln sich im Kursdesaster mittlerweile wider. Nehmen die Finanzmärkte den Höhepunkt der Pandemie vorweg?, fragen sich manche Experten.
„Die Unsicherheit bleibt extrem hoch“, heißt es bei der Landesbank Hessen-Thüringen. „Für die aktuelle Krise gibt es keine Blaupause“. Der Boden sei noch nicht erreicht, glaubt Aktienstratege Markus Reinwand. In der Vergangenheit habe es im Schnitt 18 Monate für eine solche Talfahrt gebraucht. Diesmal waren es gerade mal vier Wochen. „Wir befinden uns in der Mitte eines wild wütenden, historisch einmaligen Sturms, der über die Wirtschaft und die Finanzmärkte hinwegfegt“, sagt Daniel Schär von der Weberbank. Er sieht die Talsohle noch nicht erreicht, die kommenden Monate würden auch am Aktienmarkt schwierig bleiben.
Auf der anderen Seite bewegten sich etliche Papiere nahe ihrem Buchwert, also der Vermögenswerte eines Unternehmens. Dies gilt auch für den Dax insgesamt. Den Buchwert hier sehen Experten bei 8100 bis 8200 Punkten. Zudem würden hervorragend geführte Firmen über Gebühr abgestraft. Es gebe also wieder Kaufgelegenheiten, sagt Schär.
Robert Greil vom Bankhaus Merck Finck dagegen warnt. Die Maßnahmen der Notenbanken und Regierungen seien zwar absolut notwendig. „Aber Liquidität ist kein Impfstoff gegen das Virus“. Für die Börsen sei nichts wichtiger, als erste echte Anhaltspunkte dafür, wann das Virus soweit unter Kontrolle gebracht werden kann, dass wieder normales Wirtschaftsleben absehbar ist.
Commerzbank-Stratege Andreas Hürkamp schließt eine weitere Dax-Talfahrt bis auf 7000 Zähler nicht aus. Dann, wenn die Krise länger andauert und die Gewinne der Konzerne in diesem Jahr um 20 Prozent und mehr fallen. Ausschließen kann das derzeit niemand.
ROLF OBERTREIS