„Sell in May and go away, but remember to come back in September“ lautet eine Börsenweisheit. Verkauf im Mai und steig im September wieder ein – viele Anleger dürften das wegen der Corona-Pandemie, dem Wirtschaftseinbruch und der hohen Unsicherheit beherzigt haben. Aber Börsenweisheiten sind nicht immer richtig.
Mit 10 861 Zählern hatte sich der Deutsche Aktienindex Dax vom April verabschiedet. Bis auf 11 813 Punkte kletterte das Börsenbarometer am Donnerstag, bevor es am Freitag im vermeintlichen Krisenmonat Mai wieder etwas nach unten ging. Unter dem Strich steht trotzdem ein stolzes Plus von mehr als acht Prozent. „Das ist der beste Mai an der Börse seit 2009“, sagt Claudia Windt von der Landesbank Hessen-Thüringen. Seit dem Tiefstand am 16. März mit 8255 Punkten hat der Dax sogar um rund 40 Prozent zugelegt. Das Minus im Vergleich zu Ende 2019 beläuft sich „nur“ noch auf rund 12 Prozent.
Dabei ist die Corona-Krise längst nicht überstanden. „Deutschland steckt tief in der Rezession“, betont Robert Halver von der Baader Bank. Die Kursentwicklung hänge vom Verlauf der Pandemie ab, Anleger müssten sich auf erhöhte Schwankungen einstellen, so die DZ Bank. Von einem Impfstoff und wirksamen Medikamenten ist nichts zu sehen. Und die Prognosen für das zweite Quartal, in dem die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie erst voll durchschlagen, sind bedenklich: Die Wirtschaft wird massiv einbrechen, auch wenn die eingeleiteten Lockerungen weiter gehen. Auch für das gesamte Jahr sind die Vorhersagen schlecht. Nicht nur Daniel Schär von der Weberbank warnt vor „Sorglosigkeit“. Für Ulrich Kater, Chef-Ökonomen der DekaBank schließt die Börse mittlerweile aber eine „länger andauernde Depressionsphase der Volkswirtschaften“ fast schon aus.
Möglicherweise schielen Börsianer darauf, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihr Corona-Krisenprogramm zum Kauf von Staatsanleihen der Euro-Staaten von 750 Milliarden Euro noch einmal um eine halbe Billion auf dann 1,25 Billionen Euro ausweitet. Und sie haben das Krisen-Programm der EU im Volumen von 750 Milliarden Euro im Blick. Aber in den Augen etlicher Experten wagen sich Börsianer und Anleger trotzdem derzeit zu weit aus dem Fenster. „Die Bullen bleiben weiter am Ruder“, stellt Baader Bank-Stratege Halver fest.
Es ist ja nicht nur das Virus, das verunsichert. Zwischen den USA und China droht sich der Handelsstreit zu einem massiven politischen Konflikt auszuweiten. Iran arbeitet im Schatten der Pandemie angeblich an seinem Atomprogramm. Und der US-Präsident scheint im längst begonnenen Wahlkampf noch unberechenbarer zu werden, als dies ohnehin schon der Fall ist. Die Gewinne der Unternehmen werden in diesem Jahr ohnehin schrumpfen, reihenweise werden Dividenden gestrichen. Andererseits ist extrem viel Geld in Umlauf, das nach Anlagechancen sucht. Der Zins bleibt im Keller. Sparanlagen und Anleihen sind unattraktiv. ROLF OBERTREIS