Wirecard pleite, Lufthansa mit Staatsgeld gerettet, Bayer macht zur Beilegung des größten Teil der Glyphosat-Streitigkeiten in den USA zehn Milliarden Euro locker. Es war eine Woche, wie sie die Börse selten erlebt hat.
Noch nie in der gut 30-jährigen Geschichte des Deutschen Aktienindex Dax ist ein Mitgliedsunternehmen binnen einer Woche in die Pleite gerutscht, hat sich der Kurs von mehr als 100 Euro auf nicht einmal mehr zwei Euro fast komplett in Luft ausgelöst. Wirecard war vor zwei Jahren 24 Milliarden Euro wert und galt als Star unter den Finanztechnologie-Unternehmen. Jetzt sind es nur noch rund 350 Millionen. Mitte vergangener Woche stand der Kurs noch bei mehr 100 Euro, am Freitag war es nicht einmal 1,30 Euro.
Diese katastrophale Entwicklung ist umso erstaunlicher, weil die Corona-Pandemie bei Wirecard keine Rolle spielt. Im Gegensatz zur Lufthansa. Gigantische Betrügereien, möglicherweise kriminelle Manager, eine schlampige Aufsicht, völlig überforderte Wirtschaftsprüfer sind für das beispiellose Desaster verantwortlich. Dagegen kann sich die Lufthansa Hoffnungen machen, dass sie am Ende gut und stabil aus der Krise kommen kann, nachdem die Zustimmung zum Rettungspaket noch bis Mittwoch unklar war.
Das alles kommt zu den Dauerbelastungen für die Finanzmärkte hinzu – in erster Linie die Folgen der Corona-Pandemie, die in vielen Ländern nicht einmal eingedämmt ist. Dann ist da der Handelsstreit zwischen China und den USA, die Handelsdifferenzen auch zwischen Europäern und Trump. Das Brexit-Thema ist ungelöst.
Frühestens im Herbst 2021 könnte es nach Ansicht von DekaBank-Chef-Volkswirt Ulrich Kater wieder wirklich aufwärts gehen, in der gesamten EU sogar erst Mitte 2022. „Abgesehen von Wirecard kämpft sich der Rest der Dax 30 Unternehmen währenddessen mal mehr, mal weniger erfolgreich durch die Turbulenzen“, sagt Hannah Thielcke von der Weberbank. Dazu gehört besonders die Baumarktkette Hornbach: Der Lockdown hat dem Unternehmen ein Schub beschwert, der Kurs der Aktie hat sich seit Mitte März fast verdoppelt.
Trotz der anhaltend niedrigen Zinsen bleiben viele Experten vorsichtig. „Zwischenzeitliche Aktienkorrekturen sind weiter einzukalkulieren“, warnt etwa Robert Halver von der Baader Bank. Andreas Hürkamp von der Commerzbank rechnet im Dax für die nächsten Wochen mit Schwankungen zwischen 11 500 und 12 800 Zählern. Aktienstratege Joachim Schallmayer von der DekaBank setzt dagegen auf die „kraftvolle Geldpolitik“ und die Billionen, die die Notenbanken für die Bewältigung der Folgen der Corona-Krise bereitstellen. Er sieht den Dax bis Herbst zwischen 11 000 und 12 000 Punkten pendeln. ROLF OBERTREIS