Klimaausgleich besser als nichts

von Redaktion

VON ANNETTE JÄGER

Der Sommer steht vor der Tür – und mit ihm die Reisezeit. Wer sich dafür ins Auto oder ins Flugzeug setzt, hat heutzutage schnell mal ein schlechtes Gewissen. Denn diese Art des Urlaubs verursacht besonders viel klimaschädliche Treibhausgase. Immer öfter bieten Unternehmen deshalb an, die durch den CO2-Ausstoß verursachten Klimaschaden auszugleichen. Und schon fühlt sich der Kunde besser. Zu Recht?

Die Idee

Eine Flugreise verursacht klimaschädlichen CO2-Ausstoß. Um das wieder auszugleichen, wird bei der CO2-Kompensation genau die ausgestoßene Menge an anderer Stelle eingespart, etwa über die Investition in ein Klimaschutzprojekt in einem Entwicklungsland, das nachhaltige Energiequellen fördert. Dafür bezahlt der Verbraucher eine Abgabe, deren Höhe sich nach der Menge der verursachten CO2-Emissionen berechnet.

Die Kritik

„Kompensation ist grundsätzlich nicht das Mittel der Wahl. Über den Ausgleich können Emissionen nur auf dem jetzigen Niveau gehalten werden“, sagt Juliette de Grandpré vom World Wide Fund For Nature Deutschland (WWF). Über CO2-Kompensation erfolge keine Reduzierung des Treibhausgases in der Atmosphäre. Diese ist aber wichtig, um die Klimaziele zu erreichen, nämlich die Erderwärmung zu begrenzen. „Wenn CO2-Vermeidung und Reduzierung nicht möglich sind, kann Kompensation der letzte Schritt sein“, sagt Marcel Kruse vom Umweltbundesamt. Denn Kompensation ist „besser als nichts“.

Das Angebot

Der klassische CO2-Ausgleich erfolgt in Verbindung mit dem Fliegen. Denn Fliegen ist besonders klimaschädlich. Inzwischen kann man auch andere Aktivitäten ausgleichen – etwa Autofahrten, Online-Bestellungen, Veranstaltungen, den persönlichen Energieverbrauch im Haushalt oder den im Jahr produzierten CO2-Fußabdruck. Auch Banken bieten ihren Kunden inzwischen einen CO2-Ausgleich an, zum Beispiel die Deutsche Bank. Marcel Kruse vom Umweltbundesamt bewertet diese Entwicklung grundsätzlich als positiv, weil es ein Bewusstsein schafft, wo man als Verbraucher überall Emissionen verursacht. Allerdings dürfe Kompensation nicht dazu führen, sich ein „gutes Gewissen einzukaufen“. Vielmehr sei eine Verhaltensänderung, hin zu weniger CO2-Ausstoß, angesagt.

Der Ablauf

Beide Fachleute raten, eine Aktivität nie direkt über den Dienstleister, zum Beispiel eine Fluggesellschaft, auszugleichen. Besser sei es, den Ausgleich über die auf CO2-Kompensation spezialisierten Anbieter wie atmosfair.de, myclimate.org oder klima-kollekte.de vorzunehmen, die größtenteils selbst Klimaschutzprojekte entwickeln. Ebenso wurde Primaklima von der Stiftung Warentest 2018 für „sehr gut“ befunden (Finanztest März 2018). Der Anbieter unterstützt ausschließlich Waldprojekte.

„Hier ist Transparenz gegeben“, sagt Kruse. Das ist wichtig, denn „freiwillige Kompensationsmärkte sind unreguliert, es gibt keine Kontrolle“, sagt de Grandpré. Wichtig ist, dass die Projekte Qualitätsstandards erfüllen. Der vom WWF mitentwickelte „Gold Standard“ ist weltweit führend unter den Qualitätssiegeln. Projekte, die dieses Siegel tragen, leisten auch einen Beitrag zu guten Arbeitsbedingungen vor Ort und stellen sicher, dass über den Ausgleich neue, zusätzliche Klimaschutzprojekte gefördert werden und nicht solche, die zum Beispiel über gesetzliche Auflagen zur Emissionsminderung ohnehin entstanden wären.

Der Rechner

Um seinen CO2-Ausstoß auszugleichen, muss man zuerst die Menge berechnen. Die diversen Emissionsrechner der Kompensationsanbieter liefern jedoch unterschiedliche Ergebnisse. Es gebe keine Standardformel für die Berechnung, jeder berücksichtige andere Parameter, erklärt Kruse. Wer will, kann per Emissionsrechner auch seinen individuellen CO2-Fußabdruck ausrechnen lassen (Umweltbundesamt: https://uba.do2-rechner.de).

Interessanterweise geben die Rechner der Fluggesellschaften häufig einen deutlich geringeren CO2-Ausstoß an. „Fluggesellschaften rechnen ihre Emissionen oft klein“, hat de Grandpré erfahren. Kunden meinen dann, dass Fliegen doch gar nicht so schlimm sei. Auch die Preise für die Kompensation variieren unter den Anbietern – je nach Klimaschutzprojekt und je nach Preis pro Tonne CO2, den die Anbieter für den Ausgleich ansetzen.

Ein Beispiel

Für einen Flug von Frankfurt nach New York bietet die Lufthansa einen CO2-Ausgleich an. Laut Emissionrechner verursacht der einfache Flug eine CO2-Emission von 387 Kilogramm.

. Bei Atmosfair wird bei der Berechnung auch die Sitzklasse abgefragt. Hier werden 1.534 Kilogramm CO2-Ausstoß (einfacher Flug) berechnet. Die Kompensation kostet 36 Euro. Eine Tonne CO2 wird bei Atmosfair mit 23 Euro angesetzt. So viel Investition ist nötig, um eine Tonne CO2 in Klimaschutzprojekten in Entwicklungsländern einzusparen. Wer zusätzlich noch die Produktion von CO2-neutralem E-Kerosin in der Atmosfair-Pilotanlage im Emsland und den Neubau von Folgeanlagen fördern möchte, investiert zusätzlich 25 Euro. Der Kunde kann grundsätzlich wählen, in welches Klimaschutzprojekt sein Ausgleich fließen soll.

. Myclimate berechnet einen Verbrauch von einer Tonne für denselben Flug, also 1000 Kilogramm CO2. Der Ausgleich kostet je nach Klimaschutzprojekt zwischen 26 und 85 Euro, der Kunde kann das Projekt selbst auswählen. Hinzu kommen jeweils acht Euro für lokale Bildungsarbeit. Myclimate setzt 22 Euro für die Tonne CO2 an.

. Klima-Kollekte berechnet 1,2 Tonnen CO2-Emission. Es wird hier nicht automatisch ein Gesamtpreis angegeben für den Ausgleich. Als Anhaltspunkt: Die Kosten für eine Tonne CO2, also ein Zertifikat, betragen 25 Euro.

Mehr Informationen

Das mehrseitige Dossier zum Thema gibt es unter der Fax-Abrufnummer 09001/25 26 65 51 (1 Minute = 0,62 Euro) bis 2. Juni. Oder senden Sie einen mit 1,00 Euro frankierten und adressierten Rückumschlag plus 1,60 Euro in Briefmarken unter dem Stichwort „CO2-Kompensation“ an: Biallo & Team GmbH, Bahnhofstr. 25, 86938 Schondorf.

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