Die Preise steigen – aber nicht überall

von Redaktion

VON SEBASTIAN HÖLZLE

Die Preise ziehen wieder etwas an: Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden gestern mitteilte, lag die Inflationsrate in Deutschland laut einer ersten Schnellschätzung im Juni bei 6,4 Prozent und damit 0,3 Prozentpunkte höher als im Mai (siehe Grafik). In Bayern bestätigte sich der Trend: Wie das Landesamt für Statistik in Fürth mitteilte, kletterten die Preise im Juni verglichen mit dem Vorjahresmonat um 6,2 Prozent – der erste Anstieg seit Januar. Im Mai hatte die Inflationsrate im Freistaat noch bei 6,1 Prozent gelegen. In rund zwei Wochen veröffentlicht die Behörde detaillierte Zahlen zur Juni-Inflation, aber bereits aus der Schnellschätzung lassen sich erste Trends ablesen.

Warum ziehen die Preise wieder an?

Bei der Inflationsrate handelt es sich um einen gewichteten Durchschnittswert. Das heißt: Die Statistiker werten die Preise von hunderten verschiedener Produkte und Produktgruppen aus und schaffen gedanklich eine Art Warenkorb, der dem deutschen Durchschnittskäufer möglichst nahekommen soll. Basierend auf diesen Daten errechnen sie einen Mittelwert. Vergleicht man diesen Preisindex mit dem des Vorjahres, ergibt sich daraus die prozentuale Inflationsrate. Das bedeutet: Je nachdem, welche Produkte man einkauft, ist man stärker oder weniger stark von der allgemeinen Inflation betroffen. Um das zu erfahren, muss man die Details kennen.

Und wie haben sich die Preise im Detail entwickelt?

Die Preise für Nahrungsmittel haben kräftig angezogen, sie verteuerten sich in Bayern innerhalb eines Jahres zum Juni 2022 im Schnitt um 12,8 Prozent. Im Detail gibt es jedoch große Unterschiede: Zucker war im Juni 64,3 Prozent teurer als vor einem Jahr, Zwiebeln, Knoblauch oder Ähnliches verteuerte sich um 57,7 Prozent, Karotten um 56,9 Prozent.

Gibt es auch Lebensmittel, die billiger geworden sind?

Ja, die gibt es. So sind laut der Behörde die Preise für Speisefette und Speiseöle um elf Prozent zurückgegangen, Tomaten verbilligten sich geringfügig um 0,7 Prozent.

Wie sieht es mit Sprit aus?

Sprit ist günstiger zu haben als noch vor einem Jahr: Kraftstoffe kosteten laut der Behörde im Juni 2023, kurz vor dem Start in die Feriensaison, 9,7 Prozent weniger.

Und Haushaltsenergie?

Strom, Gas und Brennstoffe sind im Schnitt 12,8 Prozent teurer als vor einem Jahr. Und in dieser Zahl ist der größte Inflationsbremser bereits eingerechnet: Leichtes Heizöl war im Juni um ganze 34,9 Prozent billiger als vor einem Jahr.

Hat das Deutschland- Ticket einen Effekt auf die Inflation?

Ja – und zwar einen erheblichen. Bahnfahrten und Fahrten im öffentlichen Nahverkehr fassen die Statistiker unter dem Posten „kombinierte Personenbeförderungsdienstleistungen“ zusammen. Und dieser Posten hat sich mehr als verdoppelt. Die Beförderungsdienstleistungen waren im Juni 116,3 Prozent teurer als im Juni des Jahres 2022. Stellt sich die Frage: Wie kann es sein, dass sich Bus und Bahn trotz der Einführung des Deutschland-Tickets massiv verteuert haben? Der Grund dafür ist leicht zu verstehen: Vor einem Jahr, im Juni 2022, wurde vorübergehend das 9-Euro-Ticket eingeführt, das 40 Euro günstiger war, als das jetzt gültige Deutschland-Ticket. „Im Zweijahresvergleich, also gegenüber dem Juni 2021, sind die Preise im Schnitt jedoch um 14,8 Prozent günstiger“, heißt es in der Erklärung des Statistikamtes.

Wie haben sich die Mieten entwickelt?

Vergleichsweise moderat. Sie zogen verglichen mit dem Juni des Vorjahres um 2,4 Prozent an.

Supermärkte und Discounter werben mit teils kräftigen Rabatten. Wie passt das alles zusammen?

Die Preisführer Aldi und Lidl hatten zuletzt immer wieder einzelne Produkte – etwa Butter oder Milch – in ihrem jeweiligen Sortiment verbilligt. „Wenn Aldi für Molkereiprodukte die Preise senkt, ziehen die anderen nach“, sagt Bernd Ohlmann, Sprecher des Handelsverbands Bayern. Erst gestern kündigte der Discounter Norma für Teile seines Sortiments an, die Preise „dauerhaft“ senken zu wollen. Drei Beispiele: 3-lagiges Toilettenpapier kostete jetzt 3,59 Euro statt 4,05 Euro. Für das 500-Gramm-Glas cremiger Blütenhonig verlangt der Discounter 2,99 Euro statt 3,99 Euro. Und den Liter Rapsöl gibt’s für 1,59 Euro statt 1,85 Euro.

Welche Folgen hat das?

„Im Moment sehen wir einen Kampf um den Kunden“, sagt Bernd Ohlmann. Das gebe es in Deutschland zwar immer, die Deutschen seien in Europa das Volk der Schnäppchenjäger, aber im Moment sei der Preiskamp „noch eine Spur härter“ geworden. Der Grund: „Wir merken im Lebensmitteleinzelhandel in Bayern wegen der hohen Inflation Kaufzurückhaltung“, sagt Bernd Ohlmann, Sprecher des Handelsverbands Bayern. „Wenn die Leute ihr Geld zurückhalten, schauen sie eher auf Rabattaktionen.“ Gerade Supermärkte wie Rewe oder Edeka, die in der Corona-Pandemie von der Schließung der Gastronomie profitiert und damit Marktanteile dazugewonnen hätten, stünden jetzt noch mehr unter Druck. „Die Marktführer wie Aldi oder Lidl haben jetzt wieder Marktanteile zurückgewonnen und die Supermärkte stellen fest, dass die günstigen Produkte, die sogenannten Eigenmarken, stärker gekauft werden.“ In Bayern hätten die Discounter einen Marktanteil von rund 40 Prozent.

Wie kann es sein, dass die amtliche Statistik trotz der Rabattaktionen und Preissenkungen steigende Preise bei Nahrungsmitteln ausweist?

„Gerade bei Gemüse oder Obst ist der Preis immer auch von Entwicklungen wie Dürren oder Ernteausfällen abhängig“, sagt Handels-Experte Ohlmann. Richtig sei aber, dass die Preise insgesamt in den vergangenen Monaten angezogen hätten.

Wie können Verbraucher darauf reagieren?

„Indem man beim Einkaufen konsequent Preise vergleicht“, sagt Ohlmann. Schon jetzt falle ihm auf, dass immer mehr Menschen mit Prospekten in der Hand durch den Supermarkt gingen und gezielt die Angebotsware suchten – und das sei genau der richtige Weg.

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