INTERVIEW

Warum so vieles teurer wird

von Redaktion

Energiekosten und Missernten bestimmten Preise

Die Preise für Kaffeebohnen haben sich binnen Monaten glatt verdoppelt. © pm, Antonio Gravante

Auch für Oliven war es zu heiß. Olivenöl ist teuer wie lange nicht. © Panthermedia

Missernten beim Kakao sorgen für Rekord-Schokoladenpreise. © pm, Mantegazza

Die hohen Lebensmittelpreise spüren Verbraucher beim täglichen Einkauf. Da nützt es nichts, wenn Computer oder Elektroautos billiger werden. © Bernd Weißbrod/dpa

Der Einkauf im Supermarkt oder beim Discounter sorgt für alltäglichen Frust. Immer weniger landet im Einkaufswagen, immer tiefer muss man an der Kasse in die Taschen greifen. Die Statistik bestätigt: Lebensmittel sind unter den allgemeinen Lebenshaltungskosten nach wie vor ein Preistreiber. Doch nicht alles wird teurer. Erstaunlicherweise sind gerade Bioprodukte vom Preis her wettbewerbsfähig geworden. Hingegen sind die sonst so günstigen Handelsmarken prozentual noch teurer geworden als Markenartikel. Warum das so ist und was aktuell die Lebensmittelpreise bestimmt – darüber sprachen wir mit der Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Bayern, Anja Schwengel-Exner.

Die Inflation ist nicht mehr so hoch, wie sie mal war. Trotzdem schaut man beim Einkaufen fassungslos auf so manchen Preis. Zum Beispiel bei Kaffee, Schokolade oder Olivenöl. Warum ist das so teuer geworden?

Der Preis für Lebensmittel wird durch viele Faktoren beeinflusst. Aktuell sind die Preise für Energie, Düngemittel und Futtermittel höher als in der Vergangenheit. Auch die Lohnkosten sind gestiegen. Dazu kommt der Klimawandel, der immer häufiger Missernten verursacht. Das ist zum Beispiel der Grund für die starke Teuerung bei Kaffee, Kakaoprodukten wie Schokolade und bei Olivenöl. In allen drei Fällen gab es große Ernteausfälle wegen der Witterung. Beim Olivenöl ist es deshalb auch zu großen Mengeneinbußen gekommen, die seit Beginn der 2020er-Jahre – trotz teils schlechterer Qualität – zu Preissteigerungen um bis zu 45 Prozent geführt haben.

Ursächlich sind auch immer noch die Engpässe seit Ausbruch des Ukraine-Krieges?

Ja, es sind tatsächlich vor allem die gestiegenen Energiepreise, die das gesamte Preisniveau anheben. Düngemittel sind in der Herstellung sehr energieintensiv, dazu kommen, ebenso wie bei Futtermitteln, Rohstoffengpässe oder Teuerungen durch Sanktionen. Das alles bewirkt, dass Hersteller, wie zum Beispiel Landwirte, ihren Einsatz deutlich erhöhen müssen, was letztlich höhere Kosten für die Verbraucher bedeutet.

Es fällt auf, dass sich Biolebensmittel deutlich weniger stark verteuert haben wie konventionelle. Woran liegt das?

Auch bei Biowaren steigen die Preise. Aber die Preise zwischen Bio und konventionellen Produkten haben sich angenähert. Es gibt sogar Produktgruppen, da ist bio günstiger.

Zum Beispiel?

Das war zeitweise bei Nudeln so, bei Butter sowie bei Obst und Gemüse, wo die Preise niedriger oder zumindest gleich hoch sind.

Warum steigen Bio-Preise weniger?

Biolandwirte sind natürlich auch von steigenden Energiekosten betroffen. Aber nicht so stark. Das liegt zum einen daran, dass Biolandwirte keine Kunstdünger und chemische Schädlingsbekämpfungsmittel einsetzen, und sie steigende Kosten in diesen Bereichen nicht treffen. Außerdem haben Biolebensmittel und regional erzeugte Produkte den Vorteil, dass sie nicht über weite Strecken transportiert werden müssen, folglich eine Verteuerung der Transportkosten weniger stark durchschlägt. Von Vorteil für uns Verbraucher ist auch, dass Biolandwirte mit dem Handel meist langfristige Verträge abgeschlossen haben, sodass ein niedrigeres Preisniveau länger erhalten bleibt.

Handelsketten werfen inzwischen Herstellern vor, bei den Preisen zu kräftig hinzulangen. Stimmt der Verdacht, den ja die meisten Supermarktkunden teilen?

Das ist von Produkt zu Produkt unterschiedlich. Es gibt sicher Waren, bei denen sich die Preiserhöhungen klar nachvollziehen lassen. Es scheint aber längst nicht bei allen Produkten so zu sein, dass allein die Herstellungskosten die steigenden Preise rechtfertigen. So könnte eine staatliche Preisbeobachtungsstelle die Kosten und Preise vom Bauern bis zum Supermarkt offenlegen und darauf achten, dass Hersteller oder Handel die Lage nicht zulasten von Verbraucherinnen und Verbrauchern ausnutzen, um ihre Margen zu erhöhen. Ärgerlich sind in diesem Zusammenhang auch die vielen versteckten Preiserhöhungen.

Wieso versteckt?

Es werden zum Beispiel die Füllmengen reduziert, der Preis bleibt aber gleich. Es ist auch nicht an der Verpackung ersichtlich, dass sie weniger Inhalt hat. Da hilft nur der Vergleich der Grundpreise – Preise pro Kilogramm oder pro Liter, der laut Gesetz für fast alle Produkte im Supermarkt ausgewiesen werden muss.

Hat diese Praxis, weniger Inhalt gleicher Preis, in den vergangenen Jahren zugenommen?

Wenn man nach den Beschwerden geht, die bei den Verbraucherzentralen eingehen, dann hat die Shrinkflation, wie man dieses Vorgehen nennt, tatsächlich deutlich zugenommen – und zwar in allen möglichen Produktbereichen. Das geht von Butter über Babynahrung und Chips bis hin zu Orangensaft und Mundspülungen.

Neben Shrinkflation gibt es auch noch die sogenannte Cheapflation. Damit ist gemeint, dass billige Eigenmarken sich stärker verteuern als Markenprodukte. Stellen Sie das auch fest?

Ja, das ist so. Eine Studie hat vergangenes Jahr gezeigt, dass die Preise von Eigenmarken von Januar 2020 bis Mai 2024 fast doppelt so stark im Preis gestiegen sind wie Markenprodukte.

Woran liegt das?

Das hat verschiedene Gründe. Zunächst ganz simpel: Weil alle wegen der Inflation sparen, gibt es eine erhöhte Nachfrage nach billigen Produkten, was dazu führt, dass deren Preise steigen. Ein weiterer Grund ist, dass Markenwaren per se eine höhere Gewinnmarge aufweisen. Das heißt, der Spielraum, Kostensteigerungen in der Herstellung abzufedern, ist bei Markenware sehr viel größer als bei Eigenmarken.

Haben Sie Tipps für Leute, die beim täglichen Einkauf sparen müssen?

Man sollte Preisfallen erkennen, also bei Sonderangeboten – die man natürlich nutzen sollte – oder ganz allgemein: Immer den Grundpreis pro Kilo oder Liter vergleichen, der für fast alle Lebensmittel angegeben sein muss. Bei Obst und Gemüse hilft es, auf Herkunft und Jahreszeit zu achten. Regional und saisonal ist fast immer am günstigsten. Es loht sich auch, nach Produkten zu schauen, die nicht mehr lange haltbar sind und günstiger abgegeben werden. Wenn ich abends eine Tomatensuppe machen will, macht es auch nichts, wenn die Tomaten, die ich billiger bekommen habe, schon ein bisschen überreif sind.


INTERVIEW: CORINNA MAIER

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