Digitale Zukunft statt viel Papier: Der Münchner Allgemeinarzt Dr. Markus Frühwein steht vor einem Aktenschrank in seiner Praxis. Er ist ein Befürworter der elektronischen Patientenakte, die er schon seit Ende April befüllt. © Marcus Schlaf
München – Die elektronische Patientenakte (ePA) geht jetzt so richtig an den Start. Zwar haben rund 70 der gut 74 Millionen gesetzlich Versicherten die Akte bereits, aber ab heute sind Ärzte und Kliniken auch verpflichtet, die digitale Akte ordentlich zu befüllen. In der Praxis des Münchner Allgemeinmediziners Dr. Markus Frühwein ist die ePA bereits Alltag. Ein Gespräch über Vorteile, Defizite – und die Ängste seiner Patienten.
Herr Dr. Frühwein, nutzen Sie in Ihrer Praxis bereits die elektronische Patientenakte (ePA)?
Ja, wir nutzen sie schon seit einiger Zeit – im Prinzip seit sie Ende April bundesweit zur Nutzung freigeschaltet wurde.
Wie zufrieden sind Sie damit?
Ich bin ziemlich glücklich mit dem System und total froh, dass es so etwas gibt und es von immer mehr Praxen und Kliniken genutzt wird.
Was stimmt Sie so positiv?
Wenn es um die elektronische Patientenakte geht, haben viele Angst vor dem „gläsernen Patienten“. Doch wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass dieser gläserne Patient am Ende der besser behandelbare und dadurch wahrscheinlich auch der gesündere und länger lebende Patient ist. Der Extremfall ist eine Person, die in die Notaufnahme kommt, nicht ansprechbar ist und nichts dabeihat. Der Arzt weiß dann nicht, ob sie zum Beispiel Blutverdünner nimmt oder schon einmal einen Herzinfarkt hatte. Wenn Medizinern aber mit der ePA eine Quelle vorliegt, die ihnen Vorerkrankungen oder Laborwerte mitteilt, ist das bereits eine deutliche Verbesserung der Notfallversorgung. Die Zeit, die dadurch gespart wird, kann im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden.
Bemerken Sie in Ihrem Praxisalltag ebenfalls konkrete Vorteile?
Definitiv. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie lange wir manchmal auf Arztbriefe warten, weil sie in der Post verloren gehen. Oder sie kommen per Fax und sind komplett unleserlich. Diese Probleme fallen durch die ePA weg, der Prozess geht viel schneller.
Hat die Einführung der ePA für Ihre Praxis einen Mehraufwand bedeutet?
Wir mussten erst einmal lernen, damit umzugehen. Es läuft auch noch nicht alles hundertprozentig rund und es gibt hin und wieder Infrastruktur-Ausfälle. Derartige Probleme kennt man aber wahrscheinlich in allen Berufen: Wenn ein neues System eingeführt wird, erleichtert es einem zwar meist langfristig das Arbeiten, bringt in der Anfangsphase aber erst einmal Stress mit sich. Das macht zuerst keinem so richtig Spaß, aber wenn es am Ende funktioniert, ist es super. Diesen Prozess haben wir in unserer Praxis auch schon mit den digitalen Impfpässen erlebt, die wir für viele unserer Patienten anlegen. Einen Impfpass zu digitalisieren, macht zunächst zusätzliche Arbeit, aber hinten raus ist es für uns und vor allem auch für die Patienten deutlich entspannter.
Wie reagieren Ihre Patienten auf die ePA?
In meiner Erfahrung sind die Reaktionen insgesamt sehr positiv. Was viele Patienten jedoch nervt, ist die aufwendige Anmeldung. Aber wenn sie die ePA einmal haben, können Patienten alles komplett kontrollieren und auch einstellen, was gesehen werden soll und was nicht. Das Gute ist: Es gibt keinen Zwang. Niemand muss sich die ePA holen, aber für die, die es machen wollen, ist sie meiner Meinung nach ein Mehrwert.
Was raten Sie Patienten, die sich unsicher sind?
Ich führe ihnen meist vor Augen, wie umständlich das System ohne die ePA ist. Wenn ein Patient mit einem Ordner voller Arztbriefe und Laborbefunde vor mir sitzt, habe ich einige der Unterlagen vielleicht gar nicht gelesen, weil sie mir nicht zugesendet wurden. Das heißt, wir müssen erst einmal alles sichten und einscannen, und erst danach kann ich mich damit auseinandersetzen. Wenn wir einen neuen Patienten aufnehmen, ist einer meiner Mitarbeiter oft eine Stunde lang nur mit Scannen beschäftigt. Das sind sehr aufwendige Abläufe. Mit der ePA könnten wir das alles überspringen, da ich die notwendigen Unterlagen bereits hätte. Ich hoffe, dass wir aus dem Zeitalter rauskommen, in dem wir alles drucken und scannen müssen – nur, um es für den Patienten wieder zu drucken.
Werden ältere Patienten durch die ePA abgehängt?
Ältere Patienten haben unter Umständen nicht den Vorteil, selbst auf die Akte zugreifen zu können. Aber gerade die Älteren haben meistens nicht nur einen Hausarzt, sondern sind noch bei zwei oder drei Fachärzten zum Beispiel wegen chronischer Erkrankungen. Deshalb ist das Dokumenten-Management gerade für sie ein unglaublicher Aufwand. Die Befunde müssen bei allen Ärzten vorliegen, Laborwerte müssen ausgetauscht werden. Das führt häufig dazu, dass Untersuchungen doppelt oder dreifach durchgeführt werden. Die ePA hingegen sammelt die Informationen für alle Beteiligten sichtbar an einem Ort. Ich habe das Gefühl, besonders meine alten Patienten können davon profitieren und sich viel Stress sparen.
Sie sprechen von unnötigen Doppel-Untersuchungen. Kann die ePA dem Gesundheitssystem also auch Geld einsparen?
Auf jeden Fall, insbesondere wenn die Umstellung mal vollständig vollzogen ist und nicht mehr diverse Dokumentationswege gleichzeitig gegangen werden müssen. Aktuell sind die Möglichkeiten der ePA noch stark begrenzt, was sich in Zukunft aber ändern soll.
Einige Menschen machen sich Sorgen um Datenschutz. Wie sehen Sie das?
Nicht so kritisch. Wie gesagt, wenn jemand die ePA nicht nutzen will, muss er es auch nicht. Insgesamt glaube ich, dass das Totschlag-Argument Datenschutz uns die Transformation nicht immer so wahnsinnig schwer machen muss. Ein Kollege aus Österreich hat das mal schön zusammengefasst: „Wir haben europaweit den gleichen Datenschutz, aber ihr Deutschen macht aus jeder Lösung ein Problem.“ Trotzdem muss die ePA natürlich so sicher wie möglich sein.
Können Sie nach mehreren Monaten der Nutzung auch Nachteile der ePA erkennen?
Im Moment ist der Nachteil noch, dass es kein schlaues System ist, sondern nur ein dummer Datenspeicher. Die Arztbriefe sind darin zum Beispiel alle als PDF-Dateien gespeichert. Das ist nicht auswertungsfähig, man kann keine Begriffe suchen. Aber ich finde: Selbst ein dummer Datenspeicher, in dem aber alles gesammelt ist, ist schon einmal besser, als die Daten gar nicht zu haben. Es wird weiter an dem System gearbeitet und auch der Impfpass soll langfristig integriert werden. Auf Dauer wird es für uns also eine gute Unterstützung.