INTERVIEW

Ein Plan für jeden Einkauf

von Redaktion

Was man gegen Verschwendung tun kann

Eine Tasche voller Lebensmittel, die aus Abfalleimern eines Supermarktes stammen. Am meisten wird jedoch von den privaten Haushalten weggeworfen. © Marijan Murat, dpa

„Zu gut für die Tonne“: Das war das Motto der Aktionswoche des Bundeslandwirtschaftsministeriums, die nun zu Ende geht. Damit wollte man auf die wachsende Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen. Wir sprachen mit der Ernährungsexpertin Andrea Danitschek darüber, was jeder einzelne tun kann.

Fast elf Millionen Tonnen Lebensmittel wandern in einem Jahr in den Müll, fast 60 Prozent davon in privaten Haushalten. Warum werfen die Leute so viel weg? Lebensmittel sind doch teuer.

Ja, das ist wirklich erstaunlich. Gerade für einkommensschwache Familien ist der Lebensmitteleinkauf ein großer Ausgabenposten. Es wird aber nicht in allen Haushalten gleich viel weggeworfen. Die größten Mengen fallen in Single-Haushalten an. Bei mehreren Familienmitgliedern geht der Anteil der weggeworfenen Lebensmittel pro Kopf zurück.

Woran liegt das?

Zum einen ganz einfach daran, dass wenn mehrere Menschen unter einem Dach leben, einer immer Hunger hat. Die Leute haben unterschiedliche Geschmäcker und einen unterschiedlichen Appetit, sodass die Lebensmittel auch verbraucht werden. Singles haben auch oft einen anderen Alltag, essen ungeplant außer Haus und das was daheim im Kühlschrank ist, wird schlecht.

Was kann man schon beim Einkauf tun, um Verschwendung vorzubeugen?

Wichtigster Tipp: Man muss den Einkauf planen. Also, erst daheim im Kühlschrank und im Vorratsschrank nachschauen, was alles da ist, und was man kaufen will. Das schreibe ich auf einen Einkaufszettel und gehe erst dann – und möglichst auch nicht hungrig – ins Geschäft.

Viele kaufen Großpackungen, weil sie glauben, so billiger wegzukommen. Stimmt aber gar nicht unbedingt, oder?

Nicht unbedingt. Wenn ich das Produkt nicht aufbrauchen kann, habe ich Geld verschwendet. Man muss versuchen, seinen Bedarf realistisch einzuschätzen. Außerdem ist nicht gesagt, dass es für größere Mengen einen Rabatt gibt. Da hilft es immer, den Grundpreis pro 100 Gramm oder pro 100 Milliliter zu vergleichen, der bei den meisten Produkten am Regal angebracht sein muss. Ist das Lebensmittel in der Großpackung wirklich günstiger, kann man das was man nicht aktuell verbrauchen kann, ja oft auch einfrieren.

Da sind wir schon bei der Lagerung von Lebensmitteln. Kann man denn alles einfrieren?

Man kann fast alles einfrieren. Wenn man sich die Zahlen anschaut, was am häufigsten weggeworfen wird, dann sind das mit fast einem Drittel der Gesamtmenge Obst und Gemüse. Mit der richtigen Lagerung wäre vieles länger haltbar. Beeren und Kirschen zum Beispiel halten sich im Kühlschrank um einiges länger. Exoten wie Mangos oder Ananas mögen es dagegen nicht so kalt, sie halten sich besser an einem kühlen Ort, aber nicht bei Kühlschranktemperaturen.

Wie friere ich denn zum Beispiel Blaubeeren ein?

Zuerst müssen Sie die waschen, das gilt eigentlich für alles. Dann kann man die Beeren auf einer Platte im Gefrierfach anfrieren und dann in einen Gefrierbeutel oder eine Dose umfüllen. Dann kann man die Beeren auch einzeln entnehmen, weil sich nicht als Block zusammenfrieren. An Obst kann man fast alles einfrieren, muss aber wissen, dass es nach dem Auftauen natürlich nicht mehr so knackig ist, Pfirsiche zum Beispiel. Das heißt aber nicht, dass ich nicht noch ein tolles Kompott oder Dessert daraus machen kann. Oder man kann es für Kuchen oder Auflauf hernehmen.

Was ist mit Gemüse?

Sie können aus übrig gebliebenem Gemüse entweder eine Suppe kochen und die portionsweise einfrieren. Oder übrige Bohnen zum Beispiel kurz im kochendem Wasser blanchieren, abkühlen lassen und dann einfrieren. Dann halten sie sich über mehrere Monate.

Was auch sehr häufig im Müll landet ist Brot. Was kann man damit machen?

Auch Brot eignet sich sehr gut zum Einfrieren. Am besten ist es natürlich, wenn man es möglichst frisch einfriert. In Scheiben geschnitten lässt es sich einzeln entnehmen und im Toaster auftauen – ein guter Tipp gerade für Single-Haushalte.

Gekochte Speisen oder Reste werden ebenfalls oft weggeworfen. Haben Sie Tipps zur Resteverwertung?

Ein schöner Allrounder für Resteverwertung sind Pfannengerichte. Sehr köstlich. Übrige Knödel, Kartoffeln und Gemüse einfach in der Pfanne anbraten, vielleicht noch ein oder zwei Eier und frische Kräuter dazu. Auch der Rest vom Braten lässt sich so wunderbar verwerten. Hat man mehr übrig, also mehrere Portionen, dann kann man auch das gut einfrieren und rausholen, wenn man wieder Lust darauf hat.

Essensreste halten sich ja auch im Kühlschrank ganz gut.

Aber nur ein oder zwei Tage. Das überschätzen viele. Ein gegartes Essen kann man am Abend in den Kühlschrank tun und am nächsten oder übernächsten Tag erhitzen und essen, aber später nicht. Also lieber einfrieren.

Ein Grund für viele, etwas wegzuwerfen, ist ein überschrittenes Mindesthaltbarkeitsdatum. Ist das angebracht?

Nein. Das Mindesthaltbarkeitsdatum bedeutet keineswegs, dass ein Produkt ab diesem Tag nicht mehr genießbar ist. Joghurt zum Beispiel oder andere gesäuerte Milchprodukte können noch Wochen nach Ablauf des Datums gut sein. Hier sollte man sich auf seine Sinne verlassen. Also das Produkt öffnen, anschauen, schnuppern und etwas kosten. Wenn es normal riecht und schmeckt, dann ist es auch noch gut. Anders verhält es sich mit dem Verbrauchsdatum, das auf abgepacktem Hackfleisch oder Fisch zu finden ist. Das ist unbedingt einzuhalten. Nach Ablauf darf man das Produkt nicht mehr essen.

Es gibt inzwischen verschiedene Initativen, um Lebensmittel zu retten. Was gibt es da? Und wie kann man mitmachen?

Es gibt inzwischen erfreulich viele Initiativen, sei es von den Verbraucherverbändern oder vom Handel. Das ist alles sehr zu begrüßen. Jeder muss da schauen, was ihm am ehesten entspricht. Für jemanden der gern am Smartphone ist, gibt es viele Apps, bei denen man eingeben kann, was man an Vorräten hat und die dann die passenden Rezepte ausspucken. Es gibt in vielen Städten auch die Möglichkeit, übrige Lebensmittel zur Abholung anzubieten. Da muss man allerdings ein bisschen aufpassen, denn bei solchen privaten Tauschinitiativen ist nicht immer gewährleistet, dass zum Beispiel eine Kühlkette eingehalten wurde, wie das beim Handel der Fall ist.

Rund um die Lebensmittelverschwendung gibt es auch immer wieder politische Forderungen, zum Beispiel Auflagen für den Handel. Was halten Sie davon?

Politik ist ein wichtiger Hebel bei diesem Thema. Lebensmittelverschwendung hat ja viele Ursachen, man muss die ganze Kette berücksichtigen, vom Anbau über den Handel bis zum Verbraucher. Gerade die Frage, was wirft der Handel weg und wie könnte man die Sachen noch nutzen, ist eine wichtige Schnittstelle – zumal ja zum Beispiel die Tafeln aktuell beklagen, dass sie zu wenige Lebensmittel für die Bedürftigen bekommen. Da gibt es schon noch Handlungsbedarf für die Politik. Generell ist der Umgang mit Lebensmitteln immer auch eine Frage der Wertschätzung. Die Generation unserer Großeltern, die die Nachkriegsjahre erlebt hat, hat meistens einen ganz anderen Umgang damit. Verschwendung kommt bei den meisten Älteren weitaus seltener vor.

Artikel 4 von 6