Händler an der Wall Street grübeln schon länger: Gibt es eine KI-Blase? Und wann platzt sie? Aktuell ist der Aufwärtstrend bedroht. © MICHAEL M. SANTIAGO/getty images via afp
Wohl selten zuvor ist Quartalszahlen ähnlich inbrünstig entgegengefiebert worden: Am Mittwoch nach Börsenschluss hatte der Chipriese Nvidia als letzter der großen Tech-Konzerne Geschäftsergebnisse für das dritte Quartal und – vor allem – einen Ausblick auf das kommende Jahr vorgelegt. Hätte Nvidia die hochfliegenden Hoffnungen enttäuscht, hätte das einer Jahresendrallye an den Börsen frühzeitig den Stecker gezogen. Dennoch endete der Börsentag turbulent.
Die Kapital-Konzentration auf wenige Anbieter ist groß: Zusammen haben die ‚Big Seven‘ (neben Nvidia die Google-Muttergesellschaft Alphabet, Apple, der Facebook-Mutterkonzern Meta, Amazon, Tesla) eine höhere Marktkapitalisierung als alle börsennotierten Unternehmen in der EU. Allein Nvidias aktueller Börsenwert erreichte im Oktober fünf Billionen US-Dollar. Wie beim antiken Titan Atlas, der der Sage nach das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern trug, laste auf Nvidia das Vertrauen der Märkte in eine Fortsetzung des KI-Booms, scherzte ein Börsenbeobachter.
Vor allem in der vergangenen Woche hatte der Nimbus der Unverwundbarkeit Schaden genommen: Schließlich sind die Aktien der gefeierten Tech-Dominatoren extrem teuer. Mit dem 38-Fachen ihres Gewinns bewerteten die Märkte zuletzt Performance und künftige Gewinnaussichten im Durchschnitt. Zuletzt wuchs der Argwohn, dass der Hype um superprofitable KI-Pioniere ein jähes Ende finden könnte. Vergleiche wurden gezogen zur Dotcom-Blase Ende der 90er. Ein massiver Rücksetzer an den Börsen werde wahrscheinlich, wenn der KI-Investitionszyklus die gestiegenen Erwartungen nicht mehr erfüllen könne, sagt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. Diesen Moment hält er allerdings für noch nicht gekommen: Im Gegensatz zu vielen Unternehmen jener Zeit generierten die gefeierten Sieben heute massive Profite und Cashflows.
Der Nvidia-Umsatz im dritten Quartal sprang um satte 62 Prozent auf 57 Milliarden Dollar. Der Reingewinn kletterte auf 31,91 Mrd. Dollar. Konzernchef Jensen Huang feierte „unglaublich hohe Verkaufszahlen“ – Zöllen und globalen Spannungen zum Trotz. Prozessoren für Rechenzentren seien ausverkauft: „Der Bedarf an Rechenleistung wächst exponentiell.“ Dennoch hat Nvidia die Zweifler nur kurzfristig beruhigen können. Die Börsianer quittierten den starken Ausblick zunächst mit Erleichterung: Der Dax stieg, ebenso der EuroStoxx, auch europäische Technologiewerte profitierten. Nvidia-Aktien legten zum Börsenstart in den USA um fünf Prozent zu.
Dann aber setzte sich am Abend die deutliche Korrektur an den Aktienmärkten fort, kein Start der verspäteten Herbst-Rallye. Charttechnisch orientierte Analysten halten sich bedeckt. Die Nebel müssten sich erst noch lichten, heißt es aus deren Lager. Seit Ende Oktober gab es starke Verkäufe von Anlegern, die ein Platzen der KI-Blase befürchteten. Um über sieben Prozent knickten die Notierungen von US-Technologieaktien seither im Durchschnitt ein. Viele Titel stürzten sogar um 20 oder 30 Prozent ab wie der des Index-Schwergewichts Meta (Facebook, Instagram).
Allerdings hatten die Notierungen seit dem April-Tief im Durchschnitt auch um 60 Prozent zugelegt, das war eine der stärksten Aufwärtsstrecken, die es je an den US-Börsen gab. Jetzt blicken alle nervös auf den technologielastigen Nasdaq-100-Index, der die US-Tech-Konzerne, allen voran Nvidia, umfasst. Die Kurse bewegten sich seit April in einem recht steilen Aufwärtstrend nach oben. In den letzten Tagen aber war das Preisband nach unten verlassen worden (siehe Grafik), was als schlechtes Zeichen gedeutet wurde. Nur wenn dem Nasdaq-Index nach den Nvidia-Zahlen das Kunststück gelingt, seinen aktuell bei 24 900 Punkten verlaufenden Aufwärtstrend stabil zurückzuerobern, sei mit einem starken Jahresausklang zu rechnen, hieß es. Am Abend verlor der Nasdaq allerdings massiv, bewegte sich bis 19 Uhr in Richtung 24 000 Punkte.SABINE RÖSSING UND GEORG ANASTASIADIS