Brüssel – EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat in der Energiepolitik den Ton geändert: Der Atomausstieg sei ein „strategischer Fehler“, Investitionen in neue, kleinere Reaktoren unverzichtbar für die Industrie, sagte von der Leyen bei einem Atom-Gipfel bei Paris.
Welche EU-Länder setzen auf Atomenergie?
Neben Frankreich, das mehr als 65 Prozent seines Stroms aus Kernkraft bezieht, setzen lange vor allem osteuropäische Länder wie Tschechien, die Slowakei und Rumänien auf Atomenergie. Frankreich hat seit einigen Jahren zudem mit Schweden, Polen, Belgien und den Niederlanden weitere Verbündete gefunden. 15 der 27 EU-Staaten sind nach Angaben aus Paris inzwischen Mitglied eines Atomkraft-Bündnisses. Länder wie Österreich und Dänemark lehnen Atomkraft dagegen ab.
Wo steht Deutschland?
Hierzulande sind 2024 die letzten Atomkraftwerke vom Netz gegangen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat den Ausstieg zwar ebenfalls als Fehler bezeichnet, eine Rückkehr zur Kernenergie gilt mittelfristig jedoch als unwahrscheinlich. Die Bundesregierung setzt stattdessen weiter auf den Ausbau Erneuerbarer Energien und eine Absicherung der Versorgung durch neue Gaskraftwerke, die Brüssel aber noch nicht genehmigt hat.
Wo werden derzeit Atomkraftwerke gebaut?
In Frankreich sind in den kommenden Jahren sechs neue Reaktoren fest eingeplant, an einem bereits bestehenden Atomkraftwerk haben die Bauarbeiten dafür begonnen. Acht weitere Reaktoren sind im Gespräch. Frankreich will zudem seine Industrie stärken, die Bauteile für Atommeiler herstellt und diese auch in andere EU-Staaten exportiert – unter anderem nach Polen, wo das erste Atomkraftwerk des Landes geplant ist. In Schweden, Bulgarien, Finnland, den Niederlanden, Rumänien, der Slowakei und Tschechien sind weitere Reaktoren bereits geplant oder im Bau.
Welche Probleme gibt es bei den Bauarbeiten?
Der Bau eines Atomkraftwerks kostet in der Regel mehrere Milliarden Euro und dauert zwischen zehn und 15 Jahren. Wegen schleppender oder fehlender Genehmigungsverfahren und Lieferengpässen ziehen sich die Bauarbeiten in vielen Ländern zusätzlich in die Länge, in Finnland wurde der Bau eines Reaktors abgebrochen. In der französischen Normandie ging 2024 mit zwölf Jahren Verspätung ein neuer Reaktor im Kraftwerk Flamanville ans Netz, einer von nur wenigen Europäischen Druckwasserreaktoren (EPR). Die Baukosten beliefen sich nach Angaben des Betreibers EDF auf rund 23,7 Milliarden Euro – mehr als sieben Mal so viel wie geplant.
Wofür gibt es Geld aus Brüssel?
Von der Leyen hat Risiko-Absicherungen der EU in Höhe von 200 Millionen Euro für private Geldgeber angekündigt, die in neue Atomtechnologien investieren. Dabei geht es insbesondere um die Entwicklung kleinerer Reaktoren. Nach von der Leyens Worten sollen diese bis 2030 einsatzfähig sein.