„Wiedersehen macht Freude“
Mögen beide ganz offensichtlich Streifen: Bernhard Paul und Regina Marmaglio. Foto riedl
Ausstellung von Regina Marmaglio und Bernhard Paul in der Galerie am Markt in Neubeuern
Neubeuern – Mit dem Ausruf „Wiedersehen macht Freude“ begrüßte die Bildhauerin Regina Marmaglio, langjähriges Mitglied des Künstlerkreises Neubeuern, ihren Gast, den Maler Bernhard Paul, zu einer neuen gemeinsamen Ausstellung. Sie haben nicht nur bereits im Jahr 2014 gemeinsam ausgestellt, sondern sie unterrichten auch beide an der Fachhochschule für Gestaltung in Rosenheim.
Die Kunsthistorikerin Ulrike Gierlinger wies in ihrer Laudatio darauf hin, dass es in einem berühmten Paragone (Vergleich, Gegenüberstellung in der Kunst) aus der Renaissance heißt, dass die Maler bessere Künstler sind, weil sie mit Farbe arbeiten, aber die Bildhauer noch besser sind, weil sie dreidimensional arbeiten. Doch diesen vermeintlichen Widerspruch haben die beiden Künstler für sich aufgelöst, denn das Thema „Streifen“ verbindet sie miteinander, die Bildhauerin Regina Marmaglio arbeitet auch mit Farbe und der Maler Paul Bernhard lässt durch seine Maltechnik seine Bilder dreidimensional wirken.
Bernhard Paul studierte nach einer Ausbildung als Druckermeister an der Akademie der Bildenden Künste in München Malerei und arbeitet seitdem als freischaffender Künstler in serieller Maltechnik. Unter serieller Malerei versteht man eine Arbeitsweise in der Kunst, bei der ein Motiv, Thema oder Formprinzip in Reihen, Wiederholungen und Variationen bearbeitet wird.
Bernhards Werke basieren auf einer Abfolge langgezogener, fein nuancierter Linien mit einer subtilen rhythmischen Struktur. Er malt mit Ölfarben, aber sie sind so dünnflüssig aufgetragen, dass trotz der vielen Schichten die Struktur der Leinwand immer noch zu sehen ist. „Der Malprozess ist für mich das Thema selber“, erzählt der Künstler, „meine Bilder entwickeln sich und entstehen aufgrund einer Maltheorie. Pinsel und Farbe sind das Werkzeug, dann kommen Elemente wie Strukturen und Wiederholungen hinzu, das gibt dann einen gewissen Rhythmus. Die Farbe ändert sich, aber bis sich das Bild aufbaut, ist es eigentlich ein systematisches Vorgehen.“
Wichtig ist ihm die Verbindung zur Musik, weil auch die Musik, wie er sagt, Strukturen unterliegt. Vor allem neue Komponisten reißen klassische Muster auf. „Darum höre ich während des Malens immer Musik von Komponisten, die eine neue Musik erschaffen haben, die mich interessiert. Das ist eine Arbeitsatmosphäre für mich“, erläutert Paul, „und unter Umständen liefert mir die Musik Entscheidungen beim Malprozess“.
Bei dem Bild in der Ausstellung „Polygon 1“, dem ersten Bild einer neu beginnenden Serie, ist ein „Störfaktor“ hinzugekommen, den es vorher nicht gab. Er entdeckte den Komponisten Johannes Maria Staud, der sich wiederum von der bildlichen Kunst inspirieren lässt, und so taucht in seinem Musikschema ein Polygon auf. „So habe ich als erste Untermalung die Leinwand mit einer skizzenhaften Malerei bestückt und dabei entdeckt, dass dieses Polygon die Form eines Fußballs hat und das geschah parallel zur Fußballweltmeisterschaft. Und parallel dazu, ohne dass wir voneinander wussten, fertigte Regina Marmaglio aus Lindenholz zwei Fußballmannschaften mit Schieds- und Linienrichtern mit dem Namen „Endspiel“, erzählte Paul abschließend.
Regina Marmaglio hat nach einer Schreinerlehre eine Ausbildung zur Holzbildhauerin gemacht und ist seit dieser Zeit freiberuflich tätig. Für diese Ausstellung hat sie neue Arbeiten angefertigt. „Oft gehe ich an eine Arbeit ran, wo ich weiß, was ich machen möchte und schneide mir ein Stück Holz zurecht. Aber bei dieser Ausstellung habe ich es ein bisschen anders gemacht. Da habe ich mir Stücke Holz hingestellt, die von der Größe vorgegeben waren und habe geschaut, was passiert. Und dann sind diese Arbeiten mit der Motorsäge entstanden“, erklärt die Künstlerin.
Die Figuren in der Ausstellung sind sehr figurativ gestaltet und höchstens im Gesicht nachgearbeitet. Aber trotz dieser Reduzierung haben ihre Skulpturen durch die Körperhaltung und Bemalung viel Ausdruck. Durch ihre Anordnung in der Ausstellung entsteht der Eindruck, dass sie miteinander interagieren.
Eine Ausnahme bilden die vier unbemalten Büsten, die an der Wand hängen und den Namen „Ataraxie“ haben, altgriechisch für „Unerschütterlichkeit“ oder „Seelenruhe“. Der Begriff bezeichnet einen Zustand vollkommener Gelassenheit, in dem der Geist frei von Furcht, Sorgen und emotionalen Störungen ist – in der antiken griechischen Philosophie höchstes Ziel für ein glückliches und erfülltes Leben. Und so wirken die Skulpturen auch.
Edith Riedl