Kolbermoor – Am Tag der Einschreibung für die Kolbermoorer Kindertagesstätten schlug die Stunde der Wahrheit: Die vorhandenen Betreuungsplätze reichen nicht aus. Für die Eltern, die eine Absage von der Stadt erhielten, eine bittere Enttäuschung.
Man arbeite zwar fieberhaft an einer provisorischen Lösung, teilte Bürgermeister Peter Kloo auf Anfrage mit. Ob diese aber bereits zum Beginn des Kindergartenjahres im September greifen kann, bezweifelt er. „Wir hoffen aber, bis Oktober oder November ein Provisorium schaffen zu können.“
122 Absagen,
davon 17 „echte“
41 Absagen für Kinderkrippenplätze, 81 für Kindergartenplätze – das sind Zahlen, bei denen man schluckt. Aber man muss sie relativieren, sagt Elisabeth Kalenberg, Geschäftsleiterin der Stadt Kolbermoor. Ein Großteil der Absagen betraf ihr zufolge Kinder, die nicht aus Kolbermoor kommen (insgesamt 16) und Kinder, die vom Alter her noch keinen Anspruch auf einen Betreuungsplatz haben (39). Auch Kinder, für die nur eine Wunscheinrichtung angegeben war (13), waren dabei.
„Wir machen alle Eltern im Vorfeld darauf aufmerksam, dass sie das Risiko eingehen, keinen Platz für ihr Kind zu bekommen, wenn sie sich nur auf eine Einrichtung festlegen“, erläutert Kalenberg hierzu.
Durch das Zurückgreifen auf Notplätze habe man letztlich fünf Krippen- und 32 Kindergartenkinder noch unterbringen können. Nach Berechnung der Stadt habe es somit bei den Krippenplätzen zehn und bei den Kindergartenplätzen sieben „echte“ Absagen gegeben.
146 Krippen- und 616 Kindergartenplätze sind derzeit einfach zu wenig. Hat man zu spät weitere Einrichtungen geplant? Nein, sagt Kloo. An den Bedarfsprognosen habe man die Entwicklung in diesem Ausmaß nicht absehen können.
„Neben den geburtenstarken Jahrgängen verzeichnen wir auch einen starken Zuzug von Familien mit Kindern, den man nur schwer im Vorfeld einkalkulieren kann. Speziell bei den benötigten Krippenplätzen ist das Kaffeesatzleserei, denn wir reden da von Kindern, die zum Zeitpunkt der Planung noch gar nicht geboren sind und von denen wir nicht wissen, ob sie überhaupt einen Krippenplatz brauchen oder ob sie zu Hause betreut werden.“
Man sei vom Anmeldetag her schon ein wenig überrascht gewesen. Aber weniger von den Zahlen her, als von der Inanspruchnahmequote bei den Krippenplätzen und den Kindergartenplätzen für die unter Dreijährigen. „Die liegt mittlerweile bei rund 90 Prozent“, sagt Kloo.
Er macht aber noch eine ganz andere Entwicklung für die Knappheit der Plätze aus: den sogenannten I-Kind-Faktor. I-Kind ist die Abkürzung für „Integrationskind“, also ein Kind mit Förderbedarf in den Einrichtungen. „Zu I-Kindern zählen auch Kinder mit auffälligem Sozialverhalten, die einen erhöhten Betreuungsbedarf haben“, so Kloo. Ein I-Kind belegt in Kolbermoor laut Kalenberg im Schnitt drei Plätze. Das sind bei 42 I-Kindern insgesamt 128 Plätze.
„Seit ungefähr zwei Jahren frisst uns dieser Faktor massiv Plätze weg“, so Kloo. „So schnell könnten wir die Betreuungsplätze gar nicht bauen, wie die Kinder immer ,verhaltensorigineller‘ werden.“
Die Konsequenz: „Entweder wir bilden kleinere Gruppen oder wir brauchen mehr Personal. Doch das ist dann das nächste Problem, auch wenn wir neue Einrichtungen bauen: Woher bekommen wir dieses Personal?“
Als Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt, Träger zahlreicher Kinderbetreuungsstätten, kenne er auch „die andere Seite vom Tisch“: Es würden viel mehr Betreuungskräfte aus den Schulen und aus der Ausbildung heraus benötigt, als tatsächlich zur Verfügung stehen. „Die, die nachkommen, decken gerade mal die Fluktuation, die durch Wegzug, Berufswechsel oder Elternzeit entsteht“, so Kloo.
Fragen, die den betroffenen Eltern, die keinen Kinderbetreuungsplatz in Kolbermoor bekommen, im Moment aber nicht weiterhelfen.
„Wir arbeiten mit Hochdruck daran, bis Herbst provisorisch eine Krippen- und zwei Kindergartengruppen zu schaffen. Wir sind diesbezüglich in Gesprächen mit dem Jugendamt und Trägern“, betont Kalenberg.
Warten auf den neuen
Natur-Kindergarten
Wie es mit dem geplanten naturnahen Kindergarten an der Hölderlinstraße ausschaut, kann die Stadt noch nicht genau sagen. Wird er zwei- oder viergruppig (pro Gruppe 15 bis 20 Plätze) starten? Wann können die dafür erforderlichen Blockhäuser geliefert werden? Findet man unterm laufenden Kindergartenjahr überhaupt Personal?
Die Stadt sei bis dahin weiterhin bemüht Zwischenlösungen zu finden. Eventuell könnten Kinder zudem als Gastkinder in Einrichtungen der Nachbarkommunen untergebracht werden. Auch gebe es die Möglichkeit, sich an das Jugendamt zu wenden, um das Kind in einer Tagesbetreuung unterzubringen.
Für die Zukunft sind laut Kloo zwei komplett neue Einrichtungen geplant. „Da sprechen wir aber von 2023/2024. Denn zuerst müssen wir das Baurecht schaffen und planen. Gedankenmodelle gibt es hier viele, aber es ist zu früh, um etwas Konkretes zu sagen.“