Die Anfangssituation des Romans ist durchaus düster: Der Ich-Erzähler sitzt in einer Art Zelle, völlig abgeschottet von der Außenwelt. Er trägt eine „Gesichtsmaske“, seine Zunge scheint gelähmt zu sein, er kann nicht sprechen. Aber er kann denken und schreiben. Das wird in einem – vielleicht digitalen – Buch aufgezeichnet. Das Ich nennt diesen Vorgang „Gehirnwasserschrift“. Sie wird „auf meine Hände projiziert, von denen Schattenfroh, als gäben die Hände Befehle, das von mir Geschriebene und Gesehene in Form eines Buches ablesen lässt“.
Die Figur Schattenfroh ist ein allmächtiger böser Geist. Das ähnelt zu Recht dem Gedankenexperiment des Philosophen René Descartes in seinen „Meditationen“: Alles, was das denkende Ich wahrnimmt, sei Illusion, (virtuelle) Gaukelei – hervorgebracht durch einen mächtigen „genium aliquem malignum“, durch einen allpotenten „bösen Geist“. Doch selbst wenn alles, was das Ich sieht und denkt, bloß vor-gespielt ist, so ist es doch das Ich-denke, welches das Vor-Gespielte wahrnimmt: Ich denke, also bin ich. Ich schreibe, also bin ich. Schattenfroh ist eine vielschichtige Erscheinung. Die Vaterfigur spielt eine übergroße Rolle. Sie ergibt aber als Denk- und Spielfigur nicht bloß die Erinnerungen des Autors an seinen toten Vater, sondern sie besetzt das gesamte Bedeutungsfeld: Vater als persönlicher Vater, Vater als patriarchisches Ordnungsprinzip, Vater als „pater noster“, als das Priesterliche, Fürstliche, als Gott – eben als „Deus absconditus“.
Der Roman „Schattenfroh“ entwickelt ein vielschichtiges Gewebe. Die Grundsituation beschreibt Ich und Schatten samt Buch. Auf der zweiten Ebene geht es um die Geschichte des Ich-Erzählers, vor allem um seine Beziehung zum Vater. Das lässt aufhorchen. Denn 2001 gewann Michael Lentz den Ingeborg-Bachmann-Preis für seine Prosaarbeit „Muttersterben“. Die dritte Ebene zeigt Macht- und Kriegsverhältnisse von der Barockzeit über den Nationalsozialismus bis in unsere Tage. Die vierte, und, wenn man so will, existenziell höchste Ebene umfasst Reflexionen über den Tod, über Religion und Gott. All diese Gebiete werden im Buch als Textbausteine, also in längeren Passagen präsentiert, doch Dichter Michael Lentz gelingt es, mittels eines erzählerischen roten Fadens alles zu einem großen Ganzen zusammenzufügen.
In „Schattenfroh“ gibt es zusätzlich einige Schriftexperimente, also handschriftliche Aufzeichnungen, Bildtafeln, Symbole, schwarze und weiße Seiten, Montage von Fremdtexten. Nicht selten finden sich zudem Lyrikeinschübe. Über dem Werk schwebt der Schatten des Todes. Der Tod ist unsere „Passion“, ist unser aller „Requiem“ – so der Untertitel des Romans. „Die fürchten sich so vor dem Tod, vor dem Tod des anderen als Stellvertretertod des eigenen Todes, dass sie ihn mit keiner Silbe würdigen, den Tod, dass sie das Sterben nicht aussprechen, täglich geht es besser, auch dem Todkranken geht es täglich besser, er hat sich nur kurz hingelegt.“
„Schattenfroh“ ist ohne Zweifel eines der interessantesten Experimente der deutschsprachigen Literatur der vergangenen Jahre. Lentz geht hier aufs Ganze: Er schreibt eine Prosa, die über weite Strecken enormes erzählerisches Können zeigt. Er schreibt eine Prosa der inneren Reflexion, die sich literarisch schwer zu fassenden Themen stellt wie der Allmacht und Ohnmacht gegenüber patriarchalisch-staatlichen Instanzen, wie Gott, Teufel und Glaube. Der Tod, der allgegenwärtige Tod, wird dennoch das Geschriebene nicht völlig auslöschen können. Zugegeben, „Schattenfroh“ ist keine einfache Lektüre, aber eine, die den Leser mit den Fragen des Lebens konfrontiert – und dies auf gekonnte und vielschichtige Weise.
Michael Lentz:
„Schattenfroh. Ein Requiem“ S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1008 Seiten; 36 Euro.