In der Ausstellung „Dichtung ist Revolution – Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Ernst Toller“ in der Monacensia im Hildebrandhaus freut man sich als Besucher erst, ist beeindruckt – dann ist man tief traurig und wütend. Nicht weil die Schau teils gut, teils schlecht wäre, sondern weil einen der Inhalt ins Herz trifft. Kuratorin Laura Mokrohs, die über Mühsam promoviert und dafür sogar in Moskau Dokumente erschlossen hat, stellt uns sympathische Menschen vor, denen tatsächlich eine sympathische Revolution in unserem Bayern gelungen ist. Sie führte alles ein, was wir heute für selbstverständlich halten: dass Frieden herrscht und keine Not, dass auch Frauen das Wahlrecht haben, dass Arbeiter vernünftig bezahlt werden und mitbestimmen sollen, dass Kinder in der Schule nicht verprügelt werden, dass jedem die Kunst offensteht.
Klar waren das, wie Erich Mühsam und seine Frau Zenzl, vielfach Bohemiens, die natürlich zu feiern verstanden, wie ein herrlicher Film von 1914 zeigt. Aber sie sahen eben auch die Not der Frauen in den Munitionsfabriken. Die schufteten, weil die meisten Männer im Krieg, tot oder versehrt waren, für obendrein miesen Lohn. Und die Mütter mussten mit ansehen, wie ihre Kinder hungerten. Sie waren die Ersten, die auf die Sozialisten und Anarchisten bauten: Denn beide Gruppen, zu denen Toller (er war als Einziger Kriegsteilnehmer und gründlich vom Militarismus geheilt), Mühsam, Eisner und Landauer gehörten, wollten schlicht Frieden/ Gewaltlosigkeit und Wohnung/ Nahrung für alle. Schon 1916 war es zu Hungerkrawallen gekommen, Anfang 1918 wurde massiv gestreikt, und in diesen Tagen vor 100 Jahren wurde die Demokratie errungen.
Dabei galt für alle vier Männer, was Eisner (1867-1919) schon 1913 so formulierte: „Ein Dichter ist kein Phantast, sondern ein Dichter ist der Seher der Zukunft.“ Aus heutiger Sicht betrachtet, hat er Recht behalten – obwohl die vier ihre Heldentat mit Qual und Tod bezahlten. Eisner wurde von einem Rechtsradikalen erschossen; Landauer (1870 geboren) dieser Gewaltlose, wurde 1919 von gegenrevolutionären Soldaten sadistisch ermordet; Mühsam (1878), der fröhliche Freigeist, wurde 1934 von den Nazis zu Tode gequält; und der verzweifelte Toller (1893), immer noch ein angesehener Dramatiker, wählte 1939 im US-Exil den Freitod.
Laura Mokrohs zieht im Hildebrandhaus die Linie von der legendären Münchner Bohème und der Arbeiterbewegung über nationalistische und völkische Gruppen hin zur fast unblutigen Revolution und der sehr blutigen Niederschlagung der Räterepublik. Eingebettet in diesen historischen Bogen sind die Biografien der vier Autoren und Politiker. Illustriert und dokumentiert werden sie mit Fotos, zahllosen Flugblättern aus dem Bestand der Monacensia, Notizbüchern, Ausweisen der Räterepublik, Typoskripten, Telegrammen, Postkarten, Entwürfen zu Proklamationen und literarischen Texten wie Eisners antimonarchistischem Drama „Die Götterprüfung“, Mühsams „Judas“ oder Ernst Tollers „Schwalbenbuch“ aus der Haftanstalt Niederschönenfeld. Er musste es herausschmuggeln, weil es dort zensiert wurde. Er hatte geschildert, wie die Gefängnisverwaltung immer wieder Schwalbennester zerstörte.
All das inszeniert Gestalterin Katharina Kuhlmann so, als gerate man selbst in eine Demonstration von 1918. Grau und Rot stehen im Spannungsfeld, überall Demo-Schilder, die an der Aufmerksamkeit zerren. Die Informationen sind klug verteilt, sodass sie den Besucher nicht überrollen. Unterhaltsames wird neben den Männern genauso akzentuiert wie beispielhafte Frauen. Dem schrecklichen Ende entgeht man allerdings nicht. Vor allem der Erkenntnis, wie primitiv nicht nur die rechtsradikalen, sondern auch die konservativen Gegner der Demokratie (selbst der „Simplicissimus“) nicht-argumentierten. Sie hetzten lediglich antisemitisch und gegen Intellektuelle.
Bis 30. Juni 2019,
Mo., Mi., Fr. 9.30-17.30, Do. 12-19, Sa./So.11-18 Uhr; Maria-Theresia-Straße 23; freier Eintritt; Programm: www.muenchner-stadtbibliothek.de/monacensia;
Telefon 089/ 41 94 72 15.