Die Jury-Sitzung dauerte fast so lang wie die Auftritte der drei Finalisten beim Jungen Münchner Jazzpreis 2020. Es war aber auch knifflig, am Ende eines langen Abends in der Unterfahrt drei unterschiedliche, jeweils in sich stimmige Ansätze gegeneinander abzuwägen. In einem nur geringfügig schwächeren Jahrgang als dem Lockdown-bedingt erst jetzt entschiedenen, hätten auch die Zweit- und Drittplatzierten würdige Gewinner abgegeben. So aber kürten die Juroren das Trio des gerade 21-jährigen Pianisten Vincent Meissner, von dessen außergewöhnlichem Talent hier kürzlich schon die Rede war, zum verdienten Sieger.
Gleich zum Auftakt hatte das Quintett von Saxofonist Anton Mangold mit fünf hochenergetischen Kompositionen zwischen Post Bop und Fusion, in die gelegentlich Elemente einer fernöstlichen Klangästhetik einfließen, die Messlatte auf internationales Top-Niveau gelegt. Da mag man hie und da noch US-Vorbilder wie Kenny Garrett durchhören, die raffinierten Spannungsbögen, effektvollen dynamischen Kontraste und die virtuose Umsetzung aber sind Marke Eigenbau. Am Ende reichte es für Platz 2. Der Bandleader an Alt- und Sopransax erhielt – auch dies eine nachvollziehbare Entscheidung – den Solistenpreis.
Dagegen mutete das Linntett, ein Sextett mit drei Saxofonen plus Rhythmusgruppe, geleitet von der 28-jährigen Baritonsaxofonistin Kira Linn, die auch alle Stück schreibt, vergleichsweise konventionell an. Das Wechselspiel aus Big-Band-artigen Saxofon-Tutti, kontrapunktischer Linienführung und konzisen Soli besitzt durchaus Charme, doch erkannte die Jury „noch Luft nach oben“. Vielleicht sollte man das Arrangement-Potenzial der Zweitinstrumente – ein Stück begann mit Bassklarinette, Flöte und Sopransax klanglich sehr reizvoll – stärker ausreizen.
Das Vincent Meissner Trio hatte sein Set kleinteiliger angelegt, mischte unter Stücke aus der Feder des Bandleaders auch Kompositionen von Pierre Boulez und den Beatles. Allein die Überführung des Whitney Houston-Hits „I wanna dance with somebody“ in spannungsgeladenen Jazz war eine grandiose Transferleistung. Da wird ein weites Netz historisch-ästhetischer Referenzpunkte aufgespannt, da verbindet sich unbedingter Gestaltungswille mit Chuzpe. So ging der Junge Münchner Jazzpreis an die Band, die, obwohl die jüngste, bei der Suche nach einer unverwechselbaren Sound-Identität schon am weitesten ist.