„Das Orchester der Stadt“ ist ein Prädikat, das hin und wieder auch gewisse Verpflichtungen mit sich bringt. Gerade in einer Metropole wie München, die mit exzellenten Klangkörpern reich gesegnet ist. Um ihren Titel zu verteidigen, luden die Philharmoniker daher am Wochenende zu einer Reihe von Nachbarschaftskonzerten nach Sendling. Zu kleinen Kostproben, für die man das Publikum passenderweise nicht in der bald öffnenden Isarphilharmonie empfing, sondern stattdessen die Musik ins Viertel hineintrug. Acht kompakte Programme in unterschiedlichsten Räumlichkeiten, paketweise aufgeteilt auf jeweils zwei Konzerte, zwischen denen man das Publikum auf Entdeckungsreise quer durchs Viertel schickte.
Für die noch nicht ganz so Ortskundigen eine willkommene Gelegenheit, um die neue Heimat der Philharmoniker schon mal fußläufig zu erkunden. Und für Anwohner die nicht minder reizvolle Chance, Musik auch abseits der üblichen Spielstätten zu erleben. So konnte man sich unter anderem im Stemmerhof noch kulinarisch stärken, ehe auf dem dortigen Heuboden ein Streichquartett mit Melodien von Cole Porter, George Gershwin oder Leonard Bernstein aufspielte. Wie alle Darbietungen des Abends launig moderiert von den Orchestermitgliedern selbst.
Mag sein, dass der eine oder die andere von ihnen lieber das Instrument für sich hätte sprechen lassen. Aber gerade das verlieh den Konzerten eine sehr menschliche Note. Wurde einem bei diesen Begegnungen doch bewusst, dass auch die Philharmoniker eben keine amorphe Masse sind, sondern letzten Endes die Summe vieler talentierter Musikerinnen und Musiker, die man hier in kleinen Formationen persönlich kennenlernen durfte. Auf Augenhöhe mit dem Publikum und ohne den steifen, elitären Anstrich, welcher klassischen Konzerten leider manchmal immer noch nachhängt.
Die Lockerheit erlebte man unter anderem in den Arbeitsräumen des Impact Hub an den Großmarkthallen. Hier konnte man auf bequemen Schaukelstühlen entspannt lauschen, wie Victoria Margasyuk und Wolfram Lohschütz sich bei einem virtuosen Geigen-Duell mit klassischem Repertoire, irischer Folklore und eingängigen Klezmer-Stücken durch die Musikgeschichte arbeiteten. Wobei der begeisterte Zwischenapplaus einer kleinen Zuhörerin einfach spontan zum Anlass genommen wurde, um auch die einzelnen Sätze einer Leclair-Duo-Sonate vorab kurz vorzustellen und zu erklären. Ein Konzept, das wunderbar aufging und anscheinend tatsächlich auch das viel beschworene „neue Publikum“ anlockte.
Schon die Sitznachbarin im ersten Konzert gab offen zu, dass sie die Philharmoniker zwar noch nie im Gasteig erlebt hat, nun aber sehr neugierig war, was vor ihrer Haustür geboten wurde. „Das ist natürlich auch immer eine Geldfrage. Aber ich finde es sehr spannend, was sich hier im Viertel momentan tut. Nicht nur mit der Isarphilharmonie, sondern auch mit dem neuen Volkstheater.“ Interessante Gespräche ebenso auf der anschließenden Wanderung zum Kulturzentrum LUISE, wo als Kontrast zu den Musical-Standards Mozarts Klarinettenquintett wartete.
„Wir fanden vor allem die Mischung spannend. Dass sie hier mal nicht nur Klassisches spielen“, wie ein langjähriges Abonnentenpaar verriet, das dem Umzug der Philharmoniker mit Spannung entgegensieht. Kurz unterbrochen von einer entgegenkommenden Radlerin, die offenbar das konkurrierende Konzertpaket gebucht hatte und der Gruppe im Vorbeifahren zurief: „Auf zum Schichtwechsel.“ Einziger Wermutstropfen: Selbst bei geschickter Planung ließen sich hier nur 50 Prozent der Konzerte hören, womit die Qual der Wahl blieb. Aber wie man von Seiten der Münchner Philharmoniker vernimmt, soll die Aktion kein Antrittsgeschenk bleiben, sondern zu einem jährlichen Fixpunkt im Kalender werden. So klappt es dann bestimmt auch mit den neuen Nachbarn.