Reizvoll und verworren
Kammerspiele zeigen das Projekt „Gespenster. Erika, Klaus und der Zauberer“
Kilchberg 1969. Eine junge Frau auf der Schwelle zu Thomas Manns letzter Villa am Zürichsee, bewohnt nur mehr von dessen Tochter, der 63-jährigen Schauspielerin, Kabarettistin und Autorin Erika Mann in ihrem Sterbejahr. Die Frau und ihr Bruder bitten um die Genehmigung, ein Werk Klaus Manns zu verfilmen: „Geschwister“. Ein Stück nach Cocteau, uraufgeführt 1930 mit Therese Giehse an den Münchner Kammerspielen, in dem es um eine unziemliche Liebe ähnlich der zwischen Klaus und seiner ein Jahr älteren Schwester Erika geht.
Eine harte Konfrontation ist diese Bitte, hat sich der einst so geliebte „Zwilling“ doch 20 Jahre zuvor in Cannes das Leben genommen. Damals folgte Erika ihrem Vater, dem „Zauberer“, so hörig, dass sie nicht zur Beerdigung reiste. Tatsächlich beginnen 1969 die Dreharbeiten zu einem anderen Film: Luchino Viscontis „Tod in Venedig“ basiert auf der Novelle, in der Thomas Mann im Sommer 1911 seine homoerotischen Fantasien durch den Protagonisten Aschenbach ausleben lässt.
Soweit zur komplexen Theorie an den heutigen Kammerspielen. Die Praxis heißt „Gespenster. Erika, Klaus und der Zauberer“. Um Erikas Traumfahrt aus Tatsachen und Fiktion, historischer Vergangenheit und performativer Gegenwart auf eine Bühne übersetzen zu können, benötigt das Theaterkollektiv Raum+Zeit vier geräumige Glaskästen sowie 46 möglichst mutige und mobile Zuschauer, dazu Smartphones und Kopfhörer.
Doch nun folgt der heikle Teil dieser „immersiv-szenischen Installation“, denn die blecherne Glaskasten-Akustik trägt zur Illusion nicht eben bei, und abgesehen vom WLAN schwankt auch die Konzentration des in der Dämmerung der Therese-Giehse-Halle frei sich bewegenden Publikums. Das geisterhafte Erinnerungsspiel, das die Dramaturgin Juliane Hendes, der Autor Lothar Kittstein, der Regisseur Bernhard Mikeska und die Bühnenbildnerin Steffi Wurster mit Verschachtelungen und Duplizitäten von Ereignissen, mit der theatralen Unmittelbarkeit von Vergangenheit und der physischen Erfahrbarkeit von Darstellung treiben, fordert bis überfordert.
Theater, Ausstellung und Hörspiel – also Erlebnis, Betrachtung und Vorstellung – können schlecht gleichzeitig im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Zudem läuft das Geschehen in unterschiedlicher Reihenfolge doppelt ab: Das Publikum ist zweigeteilt und aufgefordert, seiner Tonspur zu folgen, während es jedoch zumindest optisch auch das Parallelspiel in den gläsernen Zimmern auf der anderen Seite mitbekommt. Unwillkürlich verharren die meisten Zuschauer alsbald im Frontaltheater.
Dabei wäre das eigentlich Besondere dieses etwa 75-minütigen Experimentes doch, physisch daran teilzuhaben – und zwar möglichst nah an Svetlana Belesova, Katharina Bach, Bernardo Arias Porras und Jochen Noch in den unterschiedlichen Konstellationen und Emotionen ihrer Figuren. Doch das lose erzählte Mosaik aus Verehrung, Verführung und Verzweiflung, Provokation wie Irritation, Lust- wie Schuldgefühlen, Verschrobenheit wie Komplizenschaft, Liebes- wie Todessehnsucht ist allzu unruhig. Der aktive Zuschauer fühlt sich selbst wie ein herumgeisterndes Theatergespenst. Eine neue, reizvolle Erfahrung von Raum und Zeit, ja, aber eine verworrene, verwirrende.
Nächste Vorstellungen
heute, am 11., 25. Januar; Karten: 089/233 966 00, theaterkasse@kammerspiele.de.