„Ich bin ein unverbesserlicher Optimist“

von Redaktion

Dirigenten-Doyen Herbert Blomstedt über die Pandemie, lebenslanges Lernen und das Heilmittel Natur

Bei seinem Münchner Gastspiel vor wenigen Wochen war ein Treffen nicht möglich. Der Terminkalender von Herbert Blomstedt gab das nicht her. Aber ein Interview per Video? Gar kein Problem. Fast auf die Sekunde pünktlich klickt sich Blomstedt ins Zoom-Gespräch. Der Doyen der Dirigentenzunft sitzt gut gelaunt vor seiner Bücherwand. 94 Jahre, das wirkt wie eine faustdicke Lüge. Der Schwede und Wahl-Schweizer ist agiler als viele jüngere Kollegen. Auf einen Stuhl beim Dirigieren verzichtet er weiterhin. Das sei, wie er gern betont, etwas für alte Männer.

Obwohl Sie während der Lockdowns fast vier Monate lang nicht dirigieren konnten, standen Sie in den vergangenen beiden Jahren sehr häufig am Pult und sind sogar für Kollegen eingesprungen. Hatten Sie jemals Angst?

Wirklich Angst habe ich nicht gehabt. Die Pandemie betrifft jeden von uns, sicher in unterschiedlicher Stärke. Aber wenn uns alle dasselbe Leid trifft, dann macht es das vielleicht sogar erträglicher. Wir sitzen alle im selben Boot. Ich habe meine mehrmonatige Pause genutzt. Bei mir hatten sich immer mehr Partituren gestapelt, die darauf warteten, durchgearbeitet zu werden. Also war diese Zeit auch ein gefundenes Fressen für mich. Ich habe viele neue Werke studiert, die ich hoffentlich bald aufführen kann.

Sie haben so viele dunkle Zeiten erlebt. Sagten Sie sich irgendwann: Diese Pandemie kann mich nicht mehr schocken?

Nein. Diese Jahre gehören schon zu den schlimmsten, die ich erlebt habe. Vorher war doch vergleichsweise ein Paradies. Man konnte seinen Interessen ungehindert nachgehen und diese mit allen teilen. In meinem Fall mit allen, die zuhören wollten. Ich hoffe, dieses Paradies kommt wieder. Eine Zeit, in der man Begeisterung frei teilen kann. Sie wird bestimmt kommen.

Was sagen Sie jemandem, der momentan in Angst lebt vor der noch immer andauernden Dunkelheit?

Ich bin ein unverbesserlicher Optimist. Es geht alles vorüber. Irgendwann, irgendwie. Nehmen wir Beethovens „Pastorale“. Da gibt es einen großen Sturm. Doch den Sinn des Sturms versteht man erst, wenn er vorüber ist. Das zeigt uns danach der letzte Satz „Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm“.

Sie sind ein sehr balancierter, ausgeglichener Künstler – und werden auch deshalb von den Orchestern geliebt. Woraus speist sich Ihre Haltung?

Sie kommt aus dem Respekt. Gegenüber den Komponisten, den Werken, den Musikern, eigentlich allen Menschen gegenüber. Wir müssen erkennen, dass wir uns selbst zurücknehmen sollten. Unsere Funktion als Dirigent ist es, den Komponisten zu Gehör zu bringen. Wir sind seine Anwälte. Ich respektiere auch das Orchester. Wir Dirigenten sind nicht dazu da, damit wir uns in die Sonne stellen. Wir sollten das Orchester unterstützen, zum Blühen bringen. Es muss sich selbst entwickeln können. Wir geben dafür nur eine Idee und eine gewisse Richtung vor. Wenn Orchester allerdings merken, dass keine Idee da ist, verlieren sie das Interesse.

Sie starteten Ihre Karriere in einer Zeit, als unter den Dirigenten der Typ Diktator à la Toscanini normal war. Wollten Sie sich immer davon absetzen?

Es gibt ja viele Sorten von Dirigenten. Toscanini haben Sie genannt, ich fand ihn musikalisch immer großartig. Aber es gab in meiner Jugend auch andere Künstler, die keine Diktatoren und ebenso großartig waren, zum Beispiel Bruno Walter. Ein sehr überzeugter Künstler, der sehr bestimmt war in seinen Forderungen, aber zu den Musikern immer freundlich. Er wusste: Wenn die sich wohlfühlen, können sie auch ihr Maximum geben. Als Bruno Walter als Gewandhauskapellmeister anfing, sagte er: „Ich werde es Ihnen als Musiker immer möglichst schwer machen, als Menschen mache ich es Ihnen aber immer möglichst leicht.“ Das finde ich eine sehr gute Kombination.

Hatten Sie sich als junger Dirigent wie viele Kollegen auch gewünscht, älter zu sein? Wann hatten Sie endlich die in Ihren Augen notwendige Schwelle übersprungen?

Ich war ja kein frühreifer Dirigent – anders als viele, die jetzt so schnell berühmt werden. Stufe für Stufe konnte ich mich langsam entwickeln. Und ich finde, ich entwickle mich sogar heute noch. Das übrigens hält auch jung. Ein Tag, an dem man keinen Fortschritt macht, ist ein verlorener Tag. Mit 27 hatte ich bei den Stockholmer Philharmonikern debütiert. Heute sind manche mit 27 schon Chefs von zwei Weltklasse-Orchestern. Das hat sicherlich seine Vorteile und ist sehr schön. Ich habe aber die Zeit genutzt, die ich warten musste. Ich habe zum Beispiel noch Musikwissenschaft studiert.

Musik und Religion geben Ihnen Halt. Was wäre ohne die Musik aus Ihnen geworden?

Natürlich hatte die Musik in meinem Leben immer eine sehr dominante Stellung. Ich hätte mir aber auch vorstellen können, Mathematiker zu werden. Auch Geschichte und Sprachen haben mich interessiert. Mein Vater war Pastor, der vielem gegenüber offen war. Das hat sich auf mich ausgewirkt.

Begreifen Sie sich als musikalischer Missionar?

Unbedingt. Ich will einfach Begeisterung für die Musik wecken und diese teilen. Ich erlebe auch heute noch solche „Bekehrungen“ in meinem Freundeskreis. Die wollten vorher nur Pop und Rock hören, und dann plötzlich wurden sie umgekrempelt und liebten Brahms.

Ist die Musik eigentlich die einzige Sucht, die Sie sich erlauben?

Na, ich habe doch viele Süchte. Aber ich habe sie alle, so glaube ich, gut im Griff. Bücher zum Beispiel. Auch Mathematik. Die Natur. Die Suche nach Gott. Sport war früher eine Sucht, nicht der organisierte in Clubs, ich musste einfach raus, laufen, Ball spielen, hochspringen. Als Teenager habe ich nach der Schule immer ein paar Stunden Fußball gespielt. Auch um die Spannung zu spüren und das, was der eigene Körper leisten kann.

Und jetzt ist Dirigieren der einzige Sport?

Ich versuche, jeden Tag mindestens eine halbe Stunde zu wandern, sonst schlafen meine Beine ein. Die Natur ist mein Heilmittel. Hier besonders der Wald. Ich bin von ihm mehr fasziniert als vom Strand. Ich empfinde Wald als zauberhaft. Ich könnte dort tagelang wandern, schauen und hören. Tiere, Blumen, Bäume wahrnehmen, wie der Wind in den Wipfeln braust. Es ist immer etwas los.

Ob wir so etwas in den Pandemie-Jahren gelernt haben? Konzentrieren wir uns nun auf andere Dinge, auf die einfacheren?

Ich hoffe. Mir hat es jedenfalls geholfen. Meiner Gesundheit, meinem Geist. Auch das Lesen, die lesende Begegnung mit so vielen genialen Menschen, die einen zum Nachdenken bringen. Ich lerne viel dabei. Wenn man nicht lernt, ist man schließlich verloren. Jedes Mal, wenn ich eine Partitur öffne, fange ich an, Neues zu entdecken.

Waren Sie schon immer so geduldig?

Nein. Als Kind war ich sehr ungeduldig. Sehr egozentrisch. Ich hatte einen drei Jahre älteren Bruder, das war anfangs schwierig. Einmal habe ich ihn sogar gebissen. Doch er wurde ein Modell für mich. Vollkommen selbstlos. Und ich dachte mir, er ist doch der bessere Teil von uns beiden. Auch meine Eltern und Freunde haben mich geprägt. Allerdings ist Freundlichkeit allein nicht alles. Es gibt junge Dirigenten, die sich einen guten Ruf verschaffen wollen und dem Orchester möglichst viel Freiraum geben. Das ist nicht gut. Das Orchester muss Freundlichkeit als Teil der Persönlichkeit verstehen können und nicht als Versuch, sich anzubiedern. Das wird innerhalb von fünf Minuten durchschaut.

Warum benutzen Sie keinen Taktstock mehr?

Das war mehr ein Zufall. Ich habe ja viele Chöre dirigiert. Und das immer ohne Taktstock. Wenn man diesen relativ weit weg vom Kopf bewegt und dabei stumm die Worte spricht, wissen Choristen gar nicht mehr, auf was sie achten sollen. Außerdem lässt sich Vokalmusik ohne Taktstock besser formen. Ich hatte einmal in Salzburg ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern. Nach einer Probenpause hatte ich meinen Taktstock im Dirigentenzimmer vergessen. Dann steht man da vor einer Bruckner-Symphonie und denkt sich: schnell zurückrennen? Oder jemanden darum bitten? Also machte ich weiter. Solche Orchester brauchen außerdem keinen Taktschläger, kein Metronom, sondern einen Musiker. Und seitdem verzichte ich auf den Taktstock.

Im kommenden Sommer dirigieren Sie bei den Salzburger Festspielen wieder das Gustav Mahler Jugendorchester. Wie empfinden Sie Begegnungen mit Musikerinnen und Musikern, die mehrere Generationen jünger sind?

Als unglaublich stimulierend. Es sollte ja nicht so sein, dass sich Dirigenten gleichsam herablassen, sich erniedrigen, um mit solchen Ensembles zu arbeiten. Diese Studentinnen und Studenten sind vollwertige Musiker und wurden aus ein paar tausend Bewerbern ausgewählt. Das ist schon die Crème de la Crème. Sie brauchen vielleicht ein paar Proben mehr als ein etabliertes Orchester, bringen aber einen enormen Enthusiasmus mit und sind wahnsinnig dankbar. Ich möchte solche Engagements eigentlich noch ausdehnen. Aber ich kann ja meine erwachsenen Orchester nicht vernachlässigen.

Und was machen Sie am 11. Juli, an Ihrem 95. Geburtstag?

Das Leipziger Gewandhausorchester und die Wiener Philharmoniker haben ein wenig darum konkurriert. Die Anfrage vom Gewandhausorchester kam ein bisschen früher, also sind die Wiener an meinem 100. dran. Sie sehen, auch hier bin ich optimistisch. Am 11. Juli, das ist ein Montag, gibt es einen besonderen Dankgottesdienst in der Thomaskirche. Keine Predigt, die Musik wird sprechen. Am Mittwoch folgt in Leipzig ein Essen mit Musikern und Freunden. Freitag und Samstag dirigiere ich dann Konzerte im dortigen Rosental, auf einer Open-Air-Bühne. Da können bis zu 20 000 Menschen kommen. Eine gute Gelegenheit also, als musikalischer Missionar tätig zu sein.

Wundern Sie sich manchmal selbst über Ihre lange Karriere?

Ja, ich kann das gar nicht verstehen. Es ist ein Geschenk. Man kann nicht damit rechnen, sondern sich nur darüber freuen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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