„Es hat einfach eine höhere Energie“, so begründet Dirigent Nicholas Collon die Spezialität des Aurora Orchestra. © Mark Allan
Dass Pultstars auswendig dirigieren, ist spätestens seit Herbert von Karajan keine Seltenheit mehr. Doch ein ganzes Orchester, das aus dem Gedächtnis spielt, so etwas hört und sieht man nicht alle Tage. Für die Musikerinnen und Musiker des Aurora Orchestra aus London ist dies fast schon Alltag. Das 2004 gegründete Ensemble stellt sich regelmäßig dieser Herausforderung und wagt sich auch bei seinem München-Besuch am 26. Februar ohne Noten an Beethovens Siebte.
Die Isarphilharmonie ist für den Dirigenten Nicholas Collon inzwischen vertrautes Terrain. Nachdem er vor zwei Jahren hier mit seinem Ensemble Beethovens Fünfte aufgeführt hatte, stand er zum Jahreswechsel zuletzt für die Neunte am Pult der Münchner Philharmoniker. Zwei Erlebnisse, an die sich Collon gern erinnert. „Das Münchner Publikum war großartig. Hochkonzentriert, aber am Ende dann umso enthusiastischer. Wir freuen uns schon sehr darauf, wieder hier zu spielen.“
Den Verzicht auf die Noten versteht der Dirigent auch diesmal nicht als reinen Stunt. Obgleich ihm solche Vorurteile hin und wieder begegnen. Denn eigentlich wurde die Idee eher zufällig geboren. Im Jahr 2014 anlässlich eines Konzerts bei den BBC Proms. „Beim ersten Stück des Abends waren die Orchestermitglieder in der gesamten Royal Albert Hall verteilt und dadurch quasi gezwungen, auswendig zu spielen. Und da kam mir die Idee, ob wir das im zweiten Teil nicht auch mit Mozarts 40. Symphonie versuchen wollen.“ Ein Experiment, das hohe Wellen schlug, auch wenn vom Dirigenten am Anfang schon etwas Überzeugungsarbeit geleistet werden musste. „Einige waren sofort begeistert, andere nicht ganz so sehr. Mittlerweile gehört es einfach dazu. Außerdem haben wir keine feste Besetzung und orientieren uns immer am jeweiligen Werk. Wenn wir uns fürs auswendige Spielen entscheiden, wissen das alle, bevor sie ihren Vertrag unterschreiben.“
Dass der Adrenalinspiegel bei dieser Art von Konzerten steigt, versteht sich von selbst. Für Routine ist da kein Platz. Weder bei Collon, noch bei seinem Ensemble. Allen Beteiligten wird höchste Konzentration abverlangt. Und dies schon von der ersten Probe an. Nur wer gut vorbreitet ist, kann wahrnehmen, was um ihn herum passiert. Was der Dirigent sowohl auf die Interaktion im Orchester bezieht, als auch auf die Menschen im Saal. „Es hat einfach eine höhere Energie und ermöglicht einem, direkter mit dem Publikum zu kommunizieren. Weil man nicht nur streng in die Noten blickt, sondern freier ist. Das bedeutet nicht, dass man auf dem Podium eine Show abziehen muss. Aber man darf auch die visuelle Komponente bei einem Konzert nicht unterschätzen.“
Mit der Zeit wurde man mutiger und wagte sich nach Mozart und Brahms sogar an Strawinskys monumentalen „Sacre du printemps“. Das Kernrepertoire, wenn es ums Spielen ohne Noten geht, bleiben aber Beethovens Symphonien. Die Siebte hatte man zuletzt ein wenig ruhen lassen. Weshalb sich Nicholas Collon umso mehr auf die erneute Begegnung mit diesem Werk freut. „Es ist für mich eine sehr optimistische Musik. Anders als die düstere Fünfte oder die unberechenbare Neunte, in der Beethoven oft mit den Formen spielt. Verglichen damit ist die Siebte sehr klar strukturiert, und man kann sie beim Spielen mehr genießen.“
Neue Energie bringt auf der aktuellen Tournee der Cellist Abel Selaocoe, der in seiner Musik Klassisches mit den Traditionen seiner südafrikanischen Heimat verbindet. Er wird mit dem Aurora Orchestra sein Konzert „Four Spirits“ vorstellen. Ein Stück, bei dem der virtuose Grenzgänger nicht nur am Cello, sondern ebenso als Sänger zu erleben sein wird. „Abel ist ein Künstler, mit dem wir schon lange arbeiten wollten. Auch er ist ein Freigeist, der sehr intuitiv musiziert und genau wie wir Freude daran hat, Grenzen auszutesten. Egal ob nun bei klassischen Stücken oder bei seinen eigenen Kompositionen. Und das steht für uns an erster Stelle, wenn wir jemand in unseren Kreis aufnehmen.“
TOBIAS HELL