Für diese Psychostudie bejubelt wie ein Popstar: Jens Harzer spielt und lebt Oscar Wildes großen Monolog, den der homosexuelle Autor im Gefängnis schrieb. © Joerg Brueggemann
„Ich dachte, das Leben würde eine brillante Komödie sein… In Wirklichkeit war es eine abstoßende, abscheuliche Tragödie.“ Das schreibt Oscar Wilde (1854-1900) in einem großen Brief aus dem Gefängnis an seine Lebensliebe Lord Alfred Douglas. Eine Affäre, die Wilde wegen „homosexueller schwerer Unzucht“ zwei Jahre Einzelhaft einbrachte, von 1895 bis 1897.
Nach einer Stunde und 45 Minuten wurde er bejubelt wie ein Popstar. Die erste Premiere dieser Saison in der Theater-Großstadt Berlin gehörte Jens Harzer. Mit diesem von Oscar Wilde in der Zelle verfassten Text, „De Profundis“ (Aus der Tiefe), gab er in einem großen Solo seinen Einstand als neues Team-Mitglied des Berliner Ensembles. Intendant Oliver Reese hat den Text klug gestutzt und ihn als theatralische Psychostudie eines gesellschaftlich und ökonomisch vernichteten Genies in Szene gesetzt.
Um es vorwegzunehmen: Gerade das ist das Problem. Der Brief an den Ex-Liebhaber, diese schriftliche bittere Lebensbilanz voller Widersprüche zwischen Abscheu und Leidenschaft des gerade noch gefeierten Schriftstellers und Dandys der Londoner High Society, offenbart bei der Lektüre die Gefasstheit Oscar Wildes während des Schreibens, die klare Analyse seines Absturzes, die gesellschaftliche Beurteilung von Kunst und Ästhetik, die Kritik an der Schäbigkeit seines Lovers und dennoch die nie versiegende Liebe. Dass dabei immer auch die Eitelkeit des Autors durchscheint, ist von ihm wohl eher unbeabsichtigt.
Oliver Reese aber reduziert das Ganze auf eine reine Psychostudie, lässt sich vom Bühnenbildner Hansjörg Hartung einen weiß ausgeleuchteten Kasten quasi als Gefängniszelle in die Mitte der Bühne hängen – als einzigen Schauplatz des Abends. Zunächst aber ist gar nichts zu sehen, stockfinster, der Text kommt von irgendwoher, und dann endlich Spot an auf den Star des Abends, Jens Harzer, in schwarzem Mantel, schwarzer Hose weißem Hemd, lockerer Krawatte, ein Dandy von heute.
Die Enge des Raums zwingt ihn zu allerlei körperlichen Verbiegungen. Einmal vorn an der Kante aufrecht stehend, flirrend immer wieder mit den Armen hoch in die Luft greifend, als würde er die Saint-Just-Rede aus seiner Otto-Falckenberg-Schauspielschul-Bewerbung wiederholen, fühlt man, was er hier in Berlin noch alles spielen könnte. Aus einer weißen Plastiktüte fingert er im Laufe des Abends sich das eine oder andere Requisit. Er bemalt mit Kohlestift die Zellenwand und stürzt sich zunehmend in die verschiedenen, sich steigernden Stufen der Verzweiflung. Schließlich montiert er ein langes Kabel in den Plafond, schließt ein aus der Tüte geholtes Mikrofon an und spricht und greint und wimmert zögerlich seine Textfetzen zu Kunst und Leben und Liebe da hinein.
Der zunehmende psychische Verfall erfährt dadurch eine gewisse Objektivierung. Dann holt der Schauspieler eine grüne Zahnbürste aus der Tüte, putzt sich die Zähne, schmiert seine Haare schwarz ein, löst sich schließlich aus dieser Lebensvernichtungsklammer, klettert aus dem weißen Kasten heraus, springt auf die Bühnenbretter, zieht das Kostüm-Hemd aus und ein schwarzes T-Shirt an – und ist ganz Jens Harzer. Mit dem Charme des Bescheidenen nimmt er Beifall und Standing Ovations entgegen.
Dieser Abend gehört allein ihm, der seine glänzende Karriere an den Münchner Kammerspielen begann, wo von Anbeginn, seit Kroetz‘ „Bauerntheater“, Shakespeares „Cymbelin“, Kleists „Amphitryon“ klar war, welch außerordentliche Schauspielerpersönlichkeit hier heranreift. Übers Residenztheater und immer wieder die Salzburger Festspiele geht er für viele Jahre ans Hamburger Thalia Theater, um nun als festes Ensemblemitglied in Berlin aufzuschlagen.SABINE DULTZ
Nächste Vorstellungen
am 18., 29. September sowie 6. und 23. Oktober; berliner-ensemble.de; zur inhaltlichen Vertiefung sei der ausgezeichnete, bei Hanser erschienene Band „Aus der Tiefe“ empfohlen (366 Seiten, 38 Euro).