Verlieren und Finden der Liebe

von Redaktion

Regisseur David Dietl über seinen Kinofilm „Ein Münchner im Himmel“

„Ich habe mich noch versöhnt“: David Dietl 2013 mit Ehefrau Lydie und Vater Helmut Dietl. © babiradpicture/A. Kekic

„Wir sollten uns in diesen Zeiten auch eine zweite Chance geben“: David Dietl mit dem Plakat zu seinem Film „Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang“. © Felix Hörhager

Keine Frage: Die Sache mit den großen Fußstapfen nervt. Längst hat David Dietl mit Filmen wie „Ellas Baby“, „Rate your Date“ oder „Feste & Freunde“ seinen eigenen Ruf als Regisseur geprägt. Mit „Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang“ bringt der 46-Jährige, der seinem Vater Helmut Dietl verblüffend ähnlich sieht, eine sehr persönliche Neuinterpretation des bayerischen Klassikers auf die Leinwand. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt er, warum München für ihn das Paradies ist, wie der Tod seines Vaters diesen Film geprägt hat – und weshalb es wichtig ist, anderen eine zweite Chance zu geben.

Sie sind in Amerika geboren, haben in Los Angeles, Paris und Berlin gelebt – ist München für Sie tatsächlich der „Himmel auf Erden“?

Ja, München ist der Himmel auf Erden. Ich durfte hier ab meinem vierten Lebensjahr aufwachsen und habe die Stadt fürs Studium verlassen. Seit zehn Jahren bin ich wieder da und meine Kinder sind hier geboren. Aber ich finde auch, dass man der Stadt mal den Rücken gekehrt haben muss, um zu wissen, wie gut man’s hier hat.

Sie zeigen München von seiner schönsten Seite. Sogar die Schwanthalerstraße sieht idyllisch aus.

Das war mir wichtig. Als ich von Berlin zurückkam, hab’ ich kurz überlegt, in die Landwehrstraße zu ziehen, weil ich das Multikulturelle vom Bahnhofsviertel sehr mag. Das gibt‘s ja sonst in München nicht so. Deshalb wollte ich auch im Film – abgesehen vom Englischen Garten, dem Friedensengel und dem Viktualienmarkt – diese Straßen zeigen.

„Ein Münchner im Himmel“ interpretiert Ludwig Thomas Geschichte neu. Warum liegt Ihnen der Film so am Herzen?

Ich habe das Projekt vor zehn Jahren nach dem Tod meines Vaters (Regisseur Helmut Dietl, Anm. d. Red.) begonnen. Damals hab’ ich zum ersten Mal erlebt, was so ein Tod bedeutet. Ich durfte mich mit meinem Vater noch versöhnen, konnte ihn begleiten und trauern. Das war der emotionale Ursprung für diesen Film, in dem der Wiggerl nach seinem Ableben versucht, die Beziehung zu seiner Tochter zu kitten. Ludwig Thomas Geschichte hat sich da als Inspiration angeboten, aber gleichzeitig wäre das ein ziemlich kurzer Film geworden, wenn wir sie nicht weitergesponnen hätten. Wie wir ja wissen, ist der Original-Münchner im Hofbräuhaus versumpft. (Lacht.)

Bei Ihnen „ist der Tod erst der Anfang“, wie es im Untertitel heißt. Hauptfigur Wiggerl wird regelrecht aus dem Leben gerissen …

Ja, auch das ist Teil meiner Erfahrung. Bei meinem Vater konnte ich mich durch seine Krankheit auf das Ende vorbereiten und mich verabschieden. Mein Stiefvater wurde fünf Jahre später überraschend aus dem Leben gerissen. Das macht einen Riesenunterschied! Da bleiben einfach so viele Fragen offen. Fragen, denen sich der Wiggerl im Film stellen muss.

In seinem letzten Interview hat Ihr Vater gesagt, dass er als junger Mensch nicht immer ein guter Vater war. Würden Sie das so unterschreiben?

Damit hatte er wohl Recht. Ich war etwa drei Jahre alt, als er sich von meiner Mutter und mir getrennt hat. Danach war er nicht mehr sehr präsent in meinem Leben. Aber ich hatte das Glück, einen tollen Stiefvater zu haben. Und alles andere war Teil der Versöhnung, die ich im Angesicht des Todes mit meinem Vater erleben durfte.

Heute sind Sie selbst Vater zweier Töchter. Was versuchen Sie besser zu machen?

Ich versuche, keine einfachen Antworten zu geben. So nach dem Motto: Weil ihr Kinder seid, dürft ihr dieses oder jenes nicht machen. Ich bemühe mich, Antworten auf das Warum zu finden. Das bedeutet nicht automatisch, dass man mehr erlaubt oder antiautoritär ist, sondern dass man einfach in den Dialog geht. Das ist oft kompliziert und anstrengend, aber ich selbst lerne dadurch viel.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod oder an Schutzengel?

Ich glaube nicht an Geister, aber an eine besondere Energie, die erhalten bleibt. Die spürbar ist, wenn man intensiv an den anderen denkt oder in Gedanken mit ihm redet. Ich finde auch die Idee, dass jemand auf einen aufpasst, schön – ob es jetzt wie im Film ein Olli Schulz als Schutzengel mit Burn-out sein muss, sei jetzt mal dahingestellt. (Lacht.)

Kann „Ein Münchner im Himmel“ jenseits des Weißwurst-Äquators funktionieren?

Das wird sich zeigen. Mir war’s wichtig, einen Film zu machen, der vor allem im süddeutschen Raum, in Bayern und in Österreich funktioniert. Gleichzeitig sind die im Himmel ja reichlich vom Münchner genervt. Deshalb durfte das göttliche Personal mit Ina Müller und Robert Palfrader nicht bayerisch ein.

Leider landet der Brief mit den göttlichen Ratschlägen auch bei Ihnen in der Isar. Welchen Tipp würden Sie der Regierung gern geben?

Wir haben lange überlegt, was wohl in dem Brief steht, den der Wiggerl versenkt. Und uns entschieden, ihn nicht zu öffnen. Da kann sich jeder selbst seine Gedanken machen. Meine persönliche Botschaft wäre, dass wir gerade in diesen Zeiten aufeinander zugehen sollten, um uns auch mal ’ne zweite Chance zu geben.

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