Münchens Primaballerina
Judith Turos verabschiedet sich vom Bayerischen Staatsballett
Judith Turos stammt aus Rumänen. © Nicholas MacKay
Unvergessen: als Julia in Crankos Choreografie. © Tandy
„The Old Man and Me“: Judith Turos mit Ivan Liška. © W. Hösl
Ein Klassiker im Nationaltheater: Judith Turos zusammen mit Dinko Bogdanic in „Der Nussknacker“. © Charles Tandy
Was für eine Vita! Wagemut, Kampfgeist, Ausdauer und immer ein Beharren auf ihrem künstlerischen Weg – dies schon mal die wichtigsten Anhaltspunkte zu Judith Turos: Tänzerin, Primaballerina, starke Darstellerin in Handlungsballetten und schließlich Ballettmeisterin. Geehrt mit Tanzpreisen ihrer Heimat Ungarn, der Stadt München wie auch der ersten Auszeichnung als „Bayerische Kammertänzerin“. Eine lange, eine künstlerisch dichte Karriere.
Der Start in München? Abenteuerlich! Hier ein kurzer Blick zurück: Turos, aus ungarischer Familie in Rumänien geboren, wird in ihrer Heimatstadt Dej bereits als Kind für einen Platz an der Ballettakademie in Klausenburg ausgewählt. Mit 16 erhält sie ein Stipendium für die Moskauer Ballett-Akademie, wo sie die Ausbildung zur Tänzerin mit Diplom abschließt. Und hat dann die Chance eines Engagements in die jugendliche Truppe von Oleg Danovski (1917-1996): ein Künstler, ein Tausendsassa. Der gebürtige Ukrainer, zunächst international gefeierter Solotänzer, choreografiert ab 1953 stilistisch bahnbrechende Werke und gilt als Begründer des modernen rumänischen Balletts.
In Danovskis Talente-Ensemble sammelt Judith Turos Erfahrungen als professionelle Tänzerin. Und setzt sich auf ihrer ersten Deutschlandtournee 1981 in München ab. „Ohne Papiere“, erzählt sie. „Die waren ja in Gewahrsam der Kompanie. Obendrein konnte ich kein Wort Deutsch.“ Sie hatte natürlich Kontakt aufgenommen mit Helfern hierorts. Jetzt geht es Schritt für Schritt: Edmund Gleede (1944-2023), ab 1980 Direktor des Balletts der Münchner Staatsoper und grundsätzlich ein hilfreicher Mensch, erlaubt ihr, mit dem Ballett-Ensemble zu trainieren. Nach Abschluss des Einbürgerungsverfahrens wird ihr ein fester Vertrag im Ensemble angeboten. Gleedes Nachfolger, der ehemalige Royal Ballet Principal Ronald Hynd, ernennt sie bereits 1985 zur Ersten Solistin.
Und Turos tanzt alles, von der Klassik und Neoklassik bis zur Moderne. Ihr bevorzugtes Terrain: Handlungsballette wie John Crankos „Romeo und Julia“ und „Onegin“. Also Werke mit tragischen, komplexen Figuren wie die Tatjana in „Onegin“. „Die Darstellung, das ‚Theaterspielen‘, das hat mich schon als junges Mädchen fasziniert“, gesteht sie. „Aber dann hat das Schicksal mich doch zum Tanz hingeführt.“
Ihr vielfältiges Rollen-Repertoire wird auch fruchtbar in ihrer Funktion als Ballettmeisterin. Das Lehr-Diplom hat sie noch an der Münchner Ballett-Akademie erworben. Als Ballettmeisterin gibt sie Training, ist auch verantwortlich für das Einstudieren von Rollen. Und Turos hängt sich voll rein ins Weitergeben ihrer Erfahrung. Abgesehen von ihrer Vorliebe für darstellerische Rollen hat sie das ausdrucksvolle Solo „Chaconne“ (1942) von José Limón geliebt. Dieses Meisterwerk des Modern Dance erwarb das Staatsballett bereits in der Spielzeit 1999/2000.
Insgesamt war das Leben im und für den Tanz glücklich, aber auch anstrengend. Ausgleich war für Turos die Familie. Ihre Mutter ist schon vor Jahren zur Familie gezogen. Ehemann Marko Kathol umsorgt sie mit seinen Kochkünsten. Wir erinnern Kathol noch als jungen Tänzer im Staatsballett. Er wechselte jedoch bald ins Gesangsfach, war als Tenor an vielen Theatern erfolgreich, auch am Gärtnerplatztheater.
Gab es denn bei diesem vielbeschäftigten Ehepaar noch Zeit fürs Privatleben? Ganz offensichtlich. Die Tochter der beiden ist selbst schon glückliche Mama von zwei sehr hübschen Kindern – wie ein von Turos hervorgeholtes Foto bestätigt. Offiziell verabschiedet wird Judith Turos an diesem Freitag im Nationaltheater nach der Vorstellung der „Kameliendame“. Und dann nur noch Pension? Turos doch ein wenig in die Zukunft denkend: „Ab und zu meine Erfahrungen, meine Kenntnisse weitergeben in Kompanien mit einem Repertoire, das ich gut kenne, das wäre schön.“MALVE GRADINGER
Hinweis
Nach der letzten Vorstellung von „Die Kameliendame“ wird Judith Turos am Freitag von Ballettdirektor Laurent Hilaire verabschiedet. Besucher haben an dem Abend die Möglichkeit zum persönlichen Austausch: In der ersten Pause steht Turos im Königssaal für eine Signierstunde, Gespräche und Fotos zur Verfügung.