Die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen steigt. Mit steigendem Alter wächst aber auch das Krebsrisiko. Dr. Ludwig Lutz, Generalsekretär der Bayerischen Krebsgesellschaft mit einer Privatpraxis im Krankenhaus für Naturheilweisen in München, erklärt, ob die Wahl der Krebstherapie abhängig vom Alter ist.
-Gibt es Krebsformen, die nur im Alter auftreten?
„Es gibt keine, die in jüngeren Jahren nicht vorkommt“, sagt Lutz. „Allerdings: Je häufiger es eine Krebsform generell gibt, desto häufiger kommt sie auch im Alter vor.“ So hebt die Deutsche Krebshilfe in ihrem jüngsten Bericht hervor, dass 2016 Männer am häufigsten an Krebs der Prostata und Frauen an der Brust erkrankten. „Die Annahme, dass bei den über 80-Jährigen die Krebshäufigkeit wieder abnimmt, stimmt nicht.“
-Stimmt die These: „Krebs bekommt jeder einmal, er muss nur alt genug werden“?
„Wenn man das auf die Männer und den Prostatakrebs bezieht, stimmt’s bestimmt“, sagt Lutz. Bei Frauen sollte man diese These anzweifeln. „Eine Krebsform mit dieser Häufigkeit wie bei Männern ist bei Frauen nicht bekannt.“ Trotzdem zeigen Statistiken, dass bei älteren Frauen der Brustkrebs und der Gebärmutterkrebs häufiger auftreten als bei jüngeren. „Natürlich gibt es Menschen, die in ihrem Leben nie Krebs bekommen haben. Aber wir werden nie erfahren, ob sie einen bekommen hätten, wenn sie länger gelebt hätten.“
-Warum bekommt man im Alter häufiger Krebs?
„Ganz einfach: Der Krebs ist ein biologischer Unfall bei der Zellteilung“, sagt Lutz. „Es passiert also irgendeine Veränderung des Erbguts während der Zellteilung. Und die statistische Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert, nimmt mit der Dauer und der Zahl der Teilungen zu.“ Je länger der Mensch also lebt, umso mehr Zellteilungen haben im Körper stattgefunden – und umso wahrscheinlicher ist es, an Krebs zu erkranken.
-Wie stark orientieren sich Ärzte am Geburtsdatum bei der Therapie?
„Hoffentlich nicht zu sehr, denn der gesamt-klinische Eindruck ist entscheidend“, sagt Lutz. „Ich schaue mir das Geburtsdatum nicht an, sondern gleich den Patienten.“
-Verlaufen Krebserkrankungen im Alter anders?
„Früher war tatsächlich die Grundannahme, dass Krebs bei älteren Menschen langsamer wächst“, sagt Lutz. Das ist aber längst widerlegt. „Wir haben sehr aggressive Verläufe auch im hohen Alter.“
-Beeinflusst das Alter die Behandlungsart?
Die Kassen zahlen bei Älteren genauso wie bei Jüngeren. „Das ist das Schöne am Sozialgesetzbuch V. Da steht drin: ,Alles, was notwendig ist, ist wirtschaftlich‘“, sagt Lutz. „Der Arzt muss nur bei den Nebenwirkungen vorsichtiger sein“, sagt Lutz. „Aber es gibt immer mehr Ältere, die extrem fit sind. Sie vertragen alles deutlich besser“, erklärt Lutz. „Im Gegensatz dazu gibt es mehr von denen mit Übergewicht, Bluthochdruck, Harnsäure, Zuckerkrankheit, Gicht … Das ist oft ein Sammelsurium an Komplikationen eines ungesunden Lebens. Ich arbeite seit 37 Jahren in der Krebsmedizin und glaube, dass diese Schere zwischen Menschen mit einem gesunden und ungesunden Lebensstil zunimmt. Vor allem stelle ich fest, dass die Schenkel der Schere immer dicker werden.“
-Bei welchen zusätzlichen Erkrankungen sollte der Patient sehr aufpassen?
Vor allem bei Bluthochdruck und Zuckererkrankungen sollte man auf die Wechselwirkungen der Medikamente achten. Außerdem sind Asthma- und Rheumamedikamente problematisch. „Im Grunde entscheidet das Medikament über die Therapie, mit der man den Krebs behandelt.“
-Mutet man älteren Patienten bei der Therapie noch alles zu?
„Das sind die Grauzonen: Der Arzt muss sich fragen, wie krank und wie alt der Patient ist“, erklärt Lutz. „Wenn ein alter Patient eine Erkrankung hat, die nicht sehr aggressiv verläuft und keine große Tumor-Gefahr für ihn darstellt, entschließe ich mich eher, mit einer großen Therapie zu warten oder eine eingeschränkte zu machen. Dann gebe ich ihm nur eine Substanz und keine Kombination aus zwei oder drei. Man muss hier realistisch denken.“
-Haben Sie sich auch schon einmal gegen eine Therapie entschieden?
„Ja, ich entscheide das aber mit dem Patienten“, sagt Lutz. „Dabei frage ich ihn, was er will. Wobei wir hier beim Problem des Zwei-Klassen-Systems angekommen sind, schließlich habe ich in meiner Privatpraxis mehr Zeit dafür. Außerdem ist es immer leichter, einem Patienten zu sagen: ,Da mach ma jetzt was.‘ Ein Therapie-Vermeidungsgespräch kann aufrüttelnd sein – auch für den Arzt.“
-Gibt es Krebsarten, die man wachsen lässt?
„Beim Lymphdrüsenkrebs behandeln wir die chronische Lymphatische Leukämie – eine typische Alterskrankheit – nur, wenn Komplikationen auftauchen“, sagt der Mediziner Lutz.
-Welche Medikamente setzt man im Alter nicht mehr ein?
„Ältere vertragen viel mehr, als man glaubt“, sagt Lutz. Allerdings muss man mit mehr Komplikationen rechnen. Außerdem sind diese Patienten schneller körperlich, emotional und geistig erschöpft. Das geht so weit, dass ihnen die Lebensqualität geraubt wird. „Dieser Fatigue-Effekt ist kontraproduktiv“, sagt Lutz. „Hier muss der Arzt seine Erfahrung spielen lassen.“ Trotzdem gibt es vereinzelte Medikamente, die Patienten im hohen Alter nicht bekommen sollten. „Jenseits der späten Sechzigerjahre ist eine Hochdosis-Chemotherapie mit nachfolgendem Stammzellenersatz, wie sie zum Beispiel bei Myelomen, Leukämien und bei Lymphomen gemacht wird, zu gefährlich.“
-Wie gravierend können Wechsel- und Nebenwirkungen ausfallen?
„Sie werden vor allem schwer vorhersehbar“, sagt Lutz. „Viele ältere Patienten nehmen oft unfassbar viele Medikamente parallel ein.“ Kommt obendrauf eine Krebstherapie, muss der Arzt sehr aufpassen. „Bei den Wechselwirkungen können sich zum Beispiel die Abbauwege der Medikamente kreuzen, gegenseitig verstärken oder abschwächen.“ Die Gefahr eines „Fatigue“-Gefühls ist dann sehr hoch – und Senioren verkraften dieses nur sehr schwer.
-Dauert die Genesung bei Älteren länger?
„Im Durchschnitt brauchen sie länger, wobei das von den Begleiterkrankungen abhängig ist“, erklärt Lutz.
Das Gespräch führte Angelika Mayr.