Zum morgigen Welttag

von Redaktion

Immer mehr Menschen erkranken vor allem im hohen Alter an Alzheimer. Auch Prominente sind betroffen. Eine Heilung ist trotz Forschungen nicht möglich. Wir haben Privatdozentin Dr. Katharina Bürger, Oberärztin am Institut für Demenzforschung des Klinikums der Universität München und ehrenamtliche Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft München gefragt, warum eine frühe Diagnose so wichtig sein kann.

-Was ist der Unterschied zwischen normaler Vergesslichkeit und Demenz?

Das verunsichert viele Leute. Wir werden im Alter generell vergesslicher, was auf eine Verlangsamung geistiger Prozesse zurückzuführen ist. In unseren Tests am Institut beurteilen wir, ob die Leistung dem Alter und Ausbildungsniveau entspricht. Zwischen dieser normalen Vergesslichkeit und der Demenz gibt es noch ein Zwischenstadium, die leichte kognitive Störung. Hier ist die Gedächtnisleistung schlechter als beim Altersdurchschnitt, aber die Selbstständigkeit ist erhalten. Bei der Demenz sind neben dem Gedächtnis auch andere Bereiche der Hirnleistung beeinträchtigt. Patienten haben Probleme beim Sprechen, Handeln, Planen und bei der Orientierung. Die Defizite führen zur Hilfsbedürftigkeit, die mit den Jahren zunimmt. Liegen diese Veränderungen mindestens ein halbes Jahr vor, kann ich eine Demenz diagnostizieren.

-Was ist Alzheimer?

Demenz kann verschiedene Ursachen haben: Bei 60 bis 70 Prozent der Fälle ist es die Alzheimer-Krankheit. Sie merkt der Patient zu Beginn kaum, die Symptome nehmen erst langsam zu. Hier sterben im Gehirn über viele Jahre Nervenzellen und -verbindungen ab. Bei der vaskulären Demenz fördern Durchblutungsstörungen ein Absterben der Nervenzellen im Gehirn. Sie kann plötzlich zum Beispiel nach einem Schlaganfall auftreten.

-Alzheimer-Tests werden im Internet angeboten.

Davon kann ich nur abraten. Erstens werden hier immer nur schwarze oder weiße Ergebnisse präsentiert, und zweitens basiert die Diagnose Demenz nicht allein auf einem Gedächtnistest.

-Wann wird Alzheimer heutzutage erkannt?

Früher wurde die Diagnose meist im mittelgradigen Stadium gestellt. Heute sind wir deutlich früher dran – mit allen positiven und negativen Seiten. Das Gute ist, dass die Menschen aufmerksamer sind. Auch bei Ärzten hat sich das Bewusstsein verändert.

-Die Diagnose trifft den Patienten stets ins Mark.

Natürlich, aber so schlimm die Diagnose auch ist, sie bringt doch auch Klarheit und erklärt die Veränderungen, die gerade in diesem Menschen vorgehen. Oft gehen nämlich viele belastende Situationen in der Beziehung, Familie oder der Arbeit voraus.

-Was meinen Sie damit?

Eine meiner Patientinnen war bei der Diagnose erst 52 Jahre alt. Auf der Arbeit meinte sie von Arbeitskollegen gemobbt zu werden, war immer krankgeschrieben und der Ehemann hat nicht verstanden, was mit ihr los war. Nach einer Odyssee hat ein findiger Arzt einen Gedächtnistest mit ihr gemacht – und der war auffällig. Sie wurde zu uns überwiesen und wir mussten die Diagnose Alzheimer stellen. So schrecklich die Diagnose war, so froh war das Ehepaar, weil es endlich wusste, was los ist. Der Gegner war identifiziert und es konnte nun weiter planen: Welche Medikamente? Muss die Rente geplant werden? Man kann ja schon früh eine Pflegestufe beantragen …

-Heilbar ist die Krankheit auch bei einer frühen Diagnose nicht, oder?

Nein, aber die frühe Diagnose ist für die Forschung und die Entwicklung neuer Medikamente wichtig, weil wir sie nur in sehr frühen Stadien werden behandeln können.

-Wie behandeln Sie die Patienten dann?

Heute haben wir symptomatische Medikamente bei einer Alzheimer-Demenz. Immerhin, denn bei den anderen Demenz-Formen haben wir nichts, weil hierzu nur schwer geforscht werden kann, denn diese sind viel seltener. Diese Medikamente können die Symptome stabilisieren und das gelingt besser, je früher man sie einsetzt. Für die nächsten zwei Jahre bedeutet das mehr Lebensqualität für den Patienten.

-Was ist mit den Patienten, bei denen die Diagnose viel später gestellt wird?

Ich kann die Stabilisierung mit Medikamenten nur auf dem speziellen Niveau erreichen, auf dem der Patient gerade ist. Rückgängig machen können wir mit den derzeit verfügbaren symptomatischen Medikamenten nichts.

-Die Alzheimer Gesellschaft München kümmert sich um Betroffene. Nun wurde ein Angebot gestartet, das sich an jüngere und Neu-Erkrankte richtet. Warum?

Einem 55-jährigen Patienten kann man schlecht sagen, dass er zur Alzheimer-Gruppe ins Seniorenzentrum gehen soll. Die Betroffenen sehnen sich nach sinnvollem Tun, sie wollen keine Beschäftigungstherapie. Deswegen bietet das neue Programm „AGM-Aktiv“ Angebote für junge Patienten unter 65 Jahren oder sehr leichtgradig Erkrankte an. Sie möchten gern „normalen“ Aktivitäten nachgehen wie Sport, Ausflüge, gemeinsames Kochen, Museumsbesuche – alles Dinge, die ein Alten- und Servicezentrum für diese Altersgruppe nicht anbieten kann. Bei „AGM-aktiv“ gibt es zum Beispiel eine Freizeit- und Aktivgruppe, die bereits Radlausflüge unternommen hat.

-Warum sind Gruppen bei Alzheimer so wichtig?

Wegen der sozialen Kontakte! Außerdem merkt der Patient, dass es anderen ähnlich geht. Denn es stimmt nicht, dass Alzheimer-Patienten nicht merken, dass sie ein Problem haben. Im Gegenteil! Ich behaupte sogar, sie merken es auch im späteren Stadium. Die, die zu uns kommen, sehe ich leiden, wenn sie ihre Defizite bemerken oder ständig etwas danebengeht. Sie werden in ihren Grundfesten erschüttert.

-Wieso sind solche Angebote auch für Angehörige wichtig?

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass durch die Betreuung und später die Pflege der Patienten die Angehörigen in eine soziale Isolation geraten. Irgendwann ist das eine geistige und körperliche 24-Stunden-Pflege. Ein Patient hat bald keine Orientierung mehr, kann nicht mehr sprechen und hat panische Angst, den Angehörigen als Fels in der Brandung zu verlieren. Dann wäre der letzte Orientierungspunkt auch weg. Häufig berichten Angehörige, dass sie ab einem gewissen Stadium nicht mal mehr allein auf die Toilette gehen können, weil der Patient ihnen ständig hinterherläuft.

-Aber Angehörige können doch nicht einfach „Stopp“ sagen?

Wir sagen den Angehörigen: Kümmern Sie sich früh darum, dass sie nicht alles alleine machen müssen, dass es in der Familie aufgeteilt wird, dass sie einen ehrenamtlichen Demenzhelfer oder Pflegedienst-Mitarbeiter engagieren. Diese Angebote sollten beizeiten für ein paar Stunden in der Woche in Anspruch genommen werden. Denn Angehörige werden oft selber krank – und wenn sie im Krankenhaus liegen, kümmert sich keiner mehr um den Patienten.

Das Gespräch führte Angelika Mayr.

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