Spätsommer 2015. In Deutschland kommen gerade Flüchtlinge zu Hunderttausenden an. „Was die wohl alles im Gepäck haben?“, überlegten sich die beiden Touristik-Fachfrauen Anna Niedermeier und Nora Scholz. „Wir meinten nicht nur das wenige, was diese Menschen mit sich nehmen konnten. Sondern auch ihre ganze Kultur. Die Rezepte ihrer Leibspeisen beispielsweise“, erklärt Anna Niedermeier zwei Jahre später in einer Wohnung in München beim Manty-Kochen, dem Leibgericht von Ruket, einer Flüchtlings-Frau aus Tschetschenien.
Anna Niedermeier und Nora Scholz zogen zusammen mit der Fotografin Katharina Pflug in München und Nürnberg neugierig los, um die Neuankömmlinge und ihre Geschichten kennenzulernen. Schon bald merkten sie: „Essen verbindet und ist gelebte Integration. Von Teller zu Teller. Von Mensch zu Mensch.“ Die jungen Frauen gründeten den Verein „Recipes welcome“, der sich für einen kulturellen Austausch einsetzt.
Die Idee, aus den gesammelten Rezepten ein Kochbuch zu gestalten, war die logische Konsequenz. Doch enttäuscht mussten die Frauen feststellen, dass die Woge der Hilfsbereitschaft umgeschlagen hatte. „Die Pegida-Phase hatte begonnen“, berichtet Anna Niedermeier und somit hatten „sämtliche Verlage Angst, ein Kochbuch mit Flüchtlings-Rezepten nicht absetzen zu können“.
„Damit wollten wir uns nicht abfinden“, sagt Nora Scholz. „Wir starteten daher im vergangenen Sommer ein Crowdfunding.“ Die Mindestauflage, um kein Minusgeschäft zu machen, sollte zumindest erreicht werden. Die Aktion war ein großer Erfolg: „Wir haben vorab knapp 1200 Buchbestellungen bekommen. Darauf sind wir sehr stolz.“ So ging das Kochbuch mit wunderschönen Fotos von Katharina Pflug in Druck. Jetzt ist es mit dem Titel „Recipes welcome – Leibspeisen von Geflüchteten“ bereits in der zweiten Auflage (!) auf dem Markt.
„Essen ist ein idealer Anknüpfungspunkt, um miteinander ins Gespräch zu kommen“, sagt Anna Niedermeier. Das Erstaunliche: Oft sind die Zutaten, die die Geflüchteten für ihre Leibspeisen verwenden, gar nicht so exotisch, nur die Zubereitungsart ist anders. Das Verbindende aller Küchen: Überall auf der Welt wird mit Zwiebeln gekocht.
Wie beispielsweise die Mantys (gefüllte Nudeltaschen) von Ruket. Sie ist eine von 14 Flüchtlingen, die für das Buch ihr Lieblingsrezept verraten. Ruket lebt mittlerweile zusammen mit ihrem Bruder in München.
Ursprünglich stammt die 45-Jährige aus Tschetschenien. Ihr Zuhause wurde zerbombt. „Wir hatten ein kleines Häuschen mit einem großen Garten, in dem alles wuchs, was wir zum Leben brauchten“, erzählt sie von ihrer Zeit in Vedeo. Doch der Krieg zerstörte ihr Heim und ihre Zukunft. Zusammen mit ihrem Bruder war sie Jahre auf der Flucht. Bei dem Gedanken an diese Zeit verdüstert sich ihr Blick – zu schmerzhaft ist die Erinnerung daran. Ruket kümmert sich um ihren Bruder. Dieser ist behindert und sitzt im Rollstuhl – in Tschetschenien ein Tabu-Thema.
Bald darf sie mit ihrem Bruder in eine eigene kleine Wohnung ziehen. „Dann müssen wir uns die Küche nicht mehr mit den anderen Flüchtlingen teilen“, sagt sie in gutem Deutsch. Denn Kochen ist für die studierte Ingenieurin und Betriebswirtin ein Stück Heimat.
Mindestens zweimal in der Woche bereitet sie Manty zu. Geschickt formt die 45-Jährige aus dem Teig Rosen. Sie sehen wunderhübsch aus – fast zu schade, um sie zu essen. Zum Dämpfen der Manty hat Ruket einen eigenen Topf mit mehreren Lagen zum Einsetzen. Man kann aber auch alternativ mit asiatischen Bambuskörben oder einem Dampfgarer arbeiten.
„Gerade bei diesem Rezept haben wir gelernt, dass wir gar nicht so unterschiedlich sind“, sagt Anna Niedermeier. Die Zutaten für Mantys gibt es in jedem deutschen Supermarkt.
Tschetschenien ist nur ein Land aus dem „Recipes welcome. Leibspeisen von Geflüchteten“. Die anderen kommen aus Armenien, dem Libanon oder dem Irak sowie aus Somalia oder Eritrea.
Aus der anfänglichen Neugier ist Wertschätzung gegenüber den Neuankömmlingen geworden, sagen die drei Autorinnen. Das Projekt war für alle „eine bereichernde Erfahrung“. Anna Niedermeier: „Wir haben viel gelernt und gelacht und natürlich miteinander gegessen.“ Ihre Erkenntnis: „Wir alle, egal ob Deutsche oder Flüchtlinge, wollen in Frieden leben und mit unserer Familie zusammen sein. Darauf kommt es im Leben an.“