Der Duft nach Heimat. Für jeden riecht Heimat anders. Für die einen weckt frisch zubereiteter Kaiserschmarrn Erinnerungen, für andere ist es ein Hauch Orient, der Sehnsucht auslöst. Mousa Allo (19) öffnet ein Gewürztütchen. Ein Freund hat es aus der syrischen Heimat mitgebracht. Ein intensiver Geruch nach Koriander, Pfeffer und Kümmel steigt einem in die Nase. „Ja, so riecht es bei uns zuhause, wenn ein Festessen gekocht wird“, sagt der 19-Jährige. Wehmut liegt in seiner Stimme.
Seit vier Jahren lebt Mousa Allo in Deutschland. Er spricht gut Deutsch, hat den Qualifizierenden Hauptschulabschluss gemacht. „Mit lauter Einsern und Zweiern“, wie er stolz erzählt. Nur im Fach Deutsch hatte er eine Vier. „Da war ich noch nicht so gut wie jetzt.“ Zurzeit arbeitet der junge Syrer im Münchner Jugendcafé „Rotor“, im Haus am Schuttberg in Schwabing. Dort absolviert er einen Bundesfreiwilligendienst.
Die Einrichtung an der Belgradstraße ist ein offenes Haus, die jugendlichen Besucher zwischen zehn und 16 Jahren können kommen und gehen, wie sie wollen. Ziel war und ist es, die Integration und die Verständigung der verschiedenen sozialen Gruppen zu fördern und sozialpädagogische Maßnahmen und Hilfen, besonders für benachteiligte Gruppen im Stadtteil durchzuführen.
Gerade das Kochen am Freitagnachmittag ist ein Programmpunkt, bei dem sich alle beteiligen und einfach wohlfühlen können. Ohne Vorkenntnisse und große Verpflichtung. Gemeinsam mit den Jugendlichen besprechen die Betreuer Sandra Dreier und Karin Lederer im Vorfeld, was auf dem Speiseplan stehen soll. „Wir betrachten jeden Menschen als Individuum und begrüßen, respektieren, achten die Vielfalt unserer Gesellschaft“, laute einer der Grundsätze im Haus am Schuttberg, sagt Sandra Dreier.
Entsprechend bunt ist das Angebot, was freitags im Koch-Club zubereitet wird: Mal ist es ein Schnitzel, mal ein Nudelgericht, mal Pfannkuchen. Zurzeit wird an einem Rotor-Kochbuch gearbeitet.
„Beim Gemüse-Schnippeln ist Zeit für Gespräche“, sagt Karin Lederer, die Esat (14) gerade fragt, was er für ein Gemüse schneiden möchte. Manchmal geht es um das Essen selbst. Heute dominieren angesagte Rapper die Gesprächsthemen.
Esat, der aus Mazedonien stammt, erzählt später, dass bei ihm zuhause viel gekocht wird. „Bei uns isst man gerne“, sagt er mit einem Lachen. Selbstbewusst meldet sich Buri (12) zu Wort: „Ich helfe viel zuhause beim Kochen.“ Man sieht’s, mit dem scharfen Messer stellt er sich beim Karottenkleinschneiden richtig geschickt an.
Mousa Allo selbst hat zuhause nie mitgekocht – als Kind habe er der Mutter nur zugeschaut. Jetzt ist er auf sich alleine gestellt. Die Eltern schickten ihn vor vier Jahren fort, nach Europa. „Sie wollten eine bessere Zukunft für mich.“
Im Herbst beginnt der junge Mann eine Ausbildung zum Kinderpfleger. Aber irgendwann will er wieder zurück nach Syrien.
Bis es so weit ist, kocht er Kabsa. Der spezielle Gewürzgeruch erinnert ihn an zuhause und an die Mutter. Kabsa stillt in der Ferne das Heimweh. Und uns Europäer entführt es in eine ferne, zumeist unbekannte Welt. Wer mitgekocht hat, darf mitessen. Das ist die Rotor-Regel.