Gartenfreunde leben gefährlich – zumindest im Kampf gegen Unkraut. Machen sich grüne Eindringlinge breit, ziehen viele nämlich mit beiden Händen und voller Kraft an den Pflanzen. Genau das wird ihnen schnell zum Verhängnis, wenn sich die Wurzeln schließlich doch lösen: Der plötzliche Ruck schmerzt fürchterlich oder sie taumeln nach hinten – und landen mit Pech voll auf der Schulter.
Bei so einem Sturz kann eine Menge im Schultergelenk kaputtgehen – gerade auch bei älteren Menschen – wie Prof. Ulrich Brunner, Chefarzt für Schulter- und Ellenbogenchirurgie am Krankenhaus Agatharied (Kreis Miesbach) aus Erfahrung weiß. Jeden Tag sieht er die Folgen solcher Unfälle. Nicht selten komme es bei einem Sturz auf die Schulter zu einer „Ruptur“ einer Sehne, also zu einem Riss.
Was harmlos klingt, hat für die Beweglichkeit der Schulter ernste Folgen. Zumal dieses Gelenk „extrem komplex“ sei, wie Brunner erklärt. „Im Gegensatz zum Hüftgelenk etwa ist es vollständig weichteilgeführt“. Abgesehen vom knöchernen Schlüsselbein, das die Schulter am Rumpf abstützt, führen alleine Muskeln das Schulterblatt und das eigentliche Schultergelenk. Hier halten Muskeln und Bänder den größeren Gelenkkopf in der kleineren Pfanne in Position. Diese kurzen und kräftigen Muskeln, die am Schulterblatt entspringen und mit ihren Sehnen fast zirkulär am Oberarmkopf ansetzen, nennt man „Rotatorenmanschette“.
Das erklärt auch, warum es so folgenreich ist, wenn eine Sehne reißt – dann läuft es in der Schulter nicht mehr rund. Betroffene haben Schmerzen, bestimmte Bewegungen sind unmöglich. Brunner merkt das oft schon, wenn ein Patient zur Tür hereinkommt: Kann er sich allein die Jacke ausziehen? Wie bewegt er sich dabei? Brunner beobachtet genau. Wie ein Detektiv sammelt er Hinweise, die ihm bei der Diagnose helfen – schon bevor der Betroffene seine Beschwerden schildert.
Den Oberkörper müssen Patienten frei machen. Nur so sieht der Experte, wie sich Schulterblätter und Oberarmkopf bewegen. Danach folgt die körperliche Untersuchung mit Bewegungstests: Arme heben und drehen, auch gegen Widerstand. Der Arzt kann auf diese Weise Schmerzen, Beweglichkeit und Kraft prüfen.
Was folgt, ist meist eine Ultraschall-Untersuchung. Das ist schnell und schmerzfrei – und verrät zügig, ob zum Beispiel ein Sehnendefekt vorliegt. Ob die Muskeln geschwunden oder verfettet sind, kann der Arzt damit nicht sehen. „Daher ist oft – aber nicht immer – eine MRT nötig“, sagt Experte Brunner, also eine Magnetresonanztomografie.
Bilder und noch mehr die Beschwerden: All diese Informationen sind für eine Therapie-Empfehlung wichtig. Oft wird ein „knöcherner Sporn“ unter dem Schulterdach beschrieben. Ein solcher kann tatsächlich Probleme bereiten. „Mein Arzt sagt, das muss man unbedingt operieren“, sagen diese Patienten häufig – und sind überrascht, wenn Brunner das anders sieht. Eine OP sei hier nur bei anhaltenden Beschwerden überlegenswert – wenn „konservative“ Verfahren nicht geholfen haben.
Dazu gehören Schmerzmittel, Entzündungshemmer, vor allem vorübergehende Schonung und Entlastung, später Physiotherapie. Zurückhaltend ist der Spezialist mit Kortisonspritzen. Die seien zwar beliebt, weil sie schnell und gut wirken. Doch hätten sie auch Nebenwirkungen, könnten etwa den Sehnen schaden. Brunner rät daher: „Nie in die Sehne spritzen, nur daneben – und maximal drei Mal.“ Sind die Beschwerden danach noch da, müsse man nach einem anderen Behandlungsansatz suchen, je nach Ursache.
Die häufigsten Auslöser von Schulterschmerzen: Verletzungen, Abnutzung und Entzündungen. Bei Arthrose etwa hat sich die schützende Knorpelschicht im Gelenk abgenutzt. Reibt Knochen auf Knochen, kann das schmerzhafte Entzündungen auslösen. Man spricht dann von einer „aktivierten Arthrose“.
Wenn die Schulter altert, muss das aber nicht zwangsläufig zu Problemen führen. Veränderungen im Gelenk sind normal: Der Rücken wird krummer, damit kommen die Schulterblätter weiter nach vorn zu liegen. Auch die Beweglichkeit nimmt ab. „Mit zunehmendem Alter kommen wir mit dem Arm nicht mehr so weit nach oben“, sagt Brunner. „Der Alterungsprozess betrifft aber auch die Rotatorenmanschette.“ Ein Großteil der Senioren habe einen Defekt in der „Supraspinatussehne“, die unter dem Schulterdach verläuft – und wissen das nicht.
Denn damit kommt der Körper erstaunlich gut klar. „Solange das Kräftegleichgewicht der Sehnen stimmt, merken Betroffene das oft nicht“, sagt Brunner. „Das Gelenk passt sich an, weil das ein langsamer Prozess ist.“ Mit Bewegungseinschränkungen kämen die meisten besser zurecht. „Außer, es tut weh.“ Vor allem der typische nächtliche Schmerz, der Betroffenen den Schlaf raubt, ist schlecht zu verkraften, erklärt der Experte.
Das gilt auch für Verletzungen. Kommt es dabei etwa zu einem Riss, lässt sich das meist schlechter kompensieren. Gerade bei älteren Menschen sei das eine typische Kombination: Sie haben einen altersbedingten Defekt der Sehnen. Bei einem Sturz entstehen weitere Schäden. Oder: eine bestehende Arthrose wird „aktiviert“.
Ist eine Verletzung Ursache der Beschwerden und ist das Kräfte-Gleichgewicht der Sehnen gestört, kann eine Operation in der Tat sinnvoll sein. So können Sehnen genäht und wieder am Knochen fixiert werden. Ist das nicht möglich, können sie durch andere, weiter entfernt liegende Sehnen ersetzt werden. Ein Defekt lässt sich durch Ersatzgewebe schließen. Kommt zum Sehnenschaden eine Arthrose, ist das Gelenk also verschlissen, kann ein Kunstgelenk den Schmerz nehmen und die Beweglichkeit wiederherstellen.
Das Einsetzen der Prothese, aber auch aufwendige Rekonstruktionen von Sehnen sind Fälle für den Spezialisten. Denn es gilt nicht nur, die beste Behandlungsform auszuwählen, sondern diese auch optimal durchzuführen. „Beides gelingt am besten mit viel Erfahrung“, erklärt Brunner. Auch die richtige Nachbehandlung ist wichtig.
Läuft alles gut, können sich betroffene Senioren danach bald wieder selbst versorgen – und sind heilfroh darüber. „Wie wichtig gerade die Schulter für die Selbstständigkeit im Alltag ist, merken die meisten Patienten erst, wenn sie bei den täglichen Verrichtungen nicht mehr zurechtkommen“, sagt Brunner. Sich anziehen, Rücken oder Haare waschen, eine Tasse weiter oben ins Regal stellen oder sich nach dem Toilettengang den Po abwischen: Ist die Schulter verletzt, wird all das plötzlich zum Problem.