MEDIZINKOLUMNE

Dr. Google?

von Redaktion

Vor einigen Jahren saß ich in einer Gutachterkommission und sollte eine Studie begutachten. Es wurden von 500 Patienten auf einer Intensivstation Unmengen von Daten gesammelt, um vorherzusagen, wann der Patient einen Atemstillstand erleidet. Es ging um Fragen, wie: Wie waren die Blutdruckwerte? Die Herz- und die Atemfrequenz? Die Körpertemperatur? Die Vorerkrankungen – und welche Medikamente nimmt der Patient? So weit, so gut – alles nachvollziehbare Daten. Aber es wurden zusätzliche Daten erhoben: Wie oft wurde der Patient besucht, von wem, wie hat er sich im Vorfeld ernährt, hat er Sport getrieben, war er regelmäßig beim Hausarzt, hat er die Medikamente genommen, hat er Probleme am Arbeitsplatz, wie sieht die Familiensituation aus, lebt er getrennt, ist er geschieden?

„Big Data“ in der Medizin. Was mir damals geradezu abwegig erschien, ist nun Realität. Mit künstlicher Intelligenz will Google Ärzte bei der Behandlung von Patienten unterstützen und hat bereits eine Software entwickelt, die den Verlauf des Klinikaufenthalts und mögliche Risiken vorhersagt.

Mittelfristig soll mit dieser Software die Therapiesicherheit verbessert werden.

Aktuelle Ergebnisse gibt es auch schon: Eine ältere Dame mit einem fortgeschrittenen Tumor wurde in eine US-Klinik eingeliefert. Die Ärzte gaben ihr eine Chance, die Behandlung im Krankenhaus zu überleben, von über 90 Prozent. Die Google-Software kam zu einem wesentlich schlechteren Ergebnis: Nach Auswertung persönlicher Patientendaten – es waren 170 000 – hatte sie ein Risiko, in der Klinik zu versterben, von 25 Prozent. Und tatsächlich: Die Patientin starb in der Klinik. Die Stärke dieses sogenannten künstlichen neuronalen Netzes liegt in der immensen Datenfülle, die analysiert und verarbeitet werden kann.

Noch vor einigen Jahren gab es diese Rechnerkapazitäten nicht – oder es dauerte Monate, bis eine Analyse fertiggestellt werden konnte. Heute geht das auf Knopfdruck. Und die Software wertet alle Daten aus, seien es die medizinisch verfügbaren und sinnvollen Daten – oder auch sogenannte „verstreute“ Daten. Damit kann Google auch auf Daten von Smartphones, Fitness-Trackern, die in der „Cloud“ gespeichert sind, oder dem persönlichen E-Mail-Account zugreifen. Natürlich werden auch sensible Informationen abgegriffen, etwa Einkaufsgewohnheiten im Supermarkt, Faktoren im sozialen Umfeld, Freizeitaktivitäten oder das Verhalten im Straßenverkehr. Doch gerade diese Datenfülle muss die Besorgnis von uns allen wecken – und zwar: wie mit diesen Daten umgegangen wird. Ein mögliches Szenario wird sein, dass Kliniken bei Bedarf alle „persönlichen“ Daten ihrer Patienten abfragen – und für die Auswertung Google bezahlen.

Google hat den Markt fest im Blick. Es existieren „Künstliche-Intelligenz-Systeme“ für die Radiologie, die Kardiologie und die Dermatologie. Demnächst entwickelt Google eine Software, um den Tod während des Klinikaufenthalts vorherzusagen – und zu analysieren, ob sich die Behandlung noch „lohnt“! Für mich wäre das ein Schreckensszenario, denn die ärztliche Erfahrung, die Arzt-Patienten-Bindung und der Wille, eine Erkrankung zu überstehen, gehen in „Big Data“ nicht ein!

Von Dr. Barbara Richartz

Priv. Doz. Dr. med. habil. Barbara Richartz, Niedergelassene Kardiologin in München- Bogenhausen, erklärt, warum „Big Data“ gefährlich ist.

Artikel 6 von 7