Warum ist Autofahren für ältere Menschen so wichtig?
Weil es für sie Autonomie bedeutet – insbesondere auf dem Land, wo es kaum Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln gibt. Sie sind dann selbstständig in der Lage, Freunde zu besuchen und Einkäufe zu tätigen. Und: Sie haben auch nicht das Gefühl, anderen zur Last zu fallen, die sie chauffieren müssten.
Wenn jemand dement wird …
… muss er nicht automatisch seinen Führerschein abgeben. Allerdings besagen die sogenannten Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung: Wer unter einem ausgeprägten demenziellen Stadium leidet, sei nicht in der Lage, ein Kraftfahrzeug zu führen. Dies kann zwar im frühen demenziellen Stadium noch möglich sein – wir empfehlen es aber nicht!
Woran merkt man als Angehöriger, dass Opa lieber nicht mehr selbst Auto fahren sollte?
Ein guter Lackmustest wäre zum Beispiel, sich zu fragen, ob man sein Kind mit besagtem Opa im Auto fahren lassen würde. Beantwortet man diese Frage mit einem klaren „Nein“, sollte man den Betroffenen überzeugen, dass es Zeit ist, den Führerschein abzugeben. Das gilt umso mehr, wenn er zum Beispiel die Vorfahrtsregeln missachtet, Verkehrsschilder ignoriert, orientierungslos umherfährt – oder sogar schon Verkehrshindernisse einfach durchfährt.
Was tun, wenn sich der Betroffene weigert?
Prinzipiell ist ja jeder Fahrer dazu verpflichtet, seine eigene Fahrtüchtigkeit zu prüfen, bevor er sich hinters Steuer setzt. Wenn man Zweifel an der Fahrtüchtigkeit eines nahen Angehörigen hat, sollte man diese natürlich klar äußern – sowohl gegenüber dem Betroffenen als auch dem behandelnden Hausarzt gegenüber oder auch der örtlichen Polizeiinspektion bzw. Fahrerlaubnisbehörde. Der Hausarzt unterliegt selbstverständlich der ärztlichen Schweigepflicht. Bei gravierenden Fahreignungszweifeln kann hier aber das hohe Gut der ärztlichen Schweigepflicht, in Abwägung von Gefahr und Risiko für unbeteiligte Dritte, in begründeten Ausnahmefällen aufgehoben werden.
Was wiederum, provokant ausgedrückt, einem Vertrauensbruch nahekommt.
Wichtig ist, und so gehen wir auch in unserer Gedächtnissprechstunde im Zentrum für Altersmedizin und Entwicklungsstörungen vor, dass wir über unsere Fahreignungszweifel zunächst den Patienten selbst und im Beisein seiner Angehörigen aufklären – und diese Aufklärung auch schriftlich bestätigen lassen. Auch kann es helfen, auf mögliche Meldung bei der Polizei und den Behörden erst mal nur hinzuweisen, wenn hier keine Einsicht besteht.
Dürfen Angehörige im äußersten Fall auf Tricks zurückgreifen – etwa das Auto fahruntüchtig machen, indem sie die Batterie abklemmen?
Wir wissen, wie schwer es ist, dementen Angehörigen beizubringen, dass sie nicht mehr Auto fahren können. Dennoch: Hier muss man konsequent handeln – auch wenn es sehr schwerfällt. Auf Tricks zurückzugreifen halten wir nicht für sinnvoll. Gerade in der Demenz spürt der Patient wesentlich häufiger intuitiv, was mit ihm geschieht, als dass er es verstandesgemäß begreifen kann. Dieses Tricksen würde eher noch das Vertrauensverhältnis, das er zu seinen Angehörigen hat, beeinträchtigen.
Das ist oft nicht einfach.
Aber es gibt hier leider keine Alternative zu einem mitunter rigorosen „Durchgreifen“. Wir sind uns natürlich bewusst, dass dies in der Tat zunächst eine nachhaltige, tief greifende Einschränkung von Selbstständigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe bedeutet. Deshalb ist es besonders wichtig, auf Möglichkeiten wie Taxifahren oder auch auf Fahrdienste zurückzugreifen, damit die Einschränkung der Selbstständigkeit den Patienten nur kurzfristig aufwühlt, mittel- bis langfristig jedoch durch besagte Maßnahmen punktuell ausgeglichen werden kann.
Wie sieht es vonseiten der Versicherung aus, wenn sich demente Menschen hinters Steuer setzen?
Selbst wenn jemand nachweislich nicht geeignet ist, ein Fahrzeug zu führen, trifft ihn eine Teilschuld – auch dann, wenn er einen Unfall nicht selbst verursacht hat. Denn man geht in der logischen Herleitung davon aus, dass diese Person ja mit ihrem Wagen gar nicht an der entsprechenden Unfallstelle hätten sein können. Verursacht man selbst einen Unfall, können die Kosten sogar bei fehlendem Versicherungsschutz immens sein.
Und sofortiger Führerscheinentzug. Es wird ja derzeit auch viel über autonomes Fahren diskutiert. Ist das womöglich die Lösung des Problems?
Das könnte eventuell in Zukunft eine Lösung darstellen. Aber: Vollautonomes Fahren bedeutet nach meinem Verständnis Übernahme des Fahrzeugs bei Ausfall des Systems. Das wiederum erscheint bei einem dementen Patienten nicht möglich – denn damit müsste er wieder Auto fahren können.
Interview: Barbara Nazarewska