Wozu brauchen wir die Galle?
Die Gallenflüssigkeit – immerhin 600 Milliliter am Tag – wird in der Leber gebildet und fließt ständig in den Dünndarm, wo sie für die Verdauung mitverantwortlich ist. Speziell für die Fettverdauung, aber auch für die Entgiftung des Körpers. Abbauprodukte, die nicht über die Nieren ausgeschieden werden, schwemmt die Galle aus.
Was ist die Aufgabe der Gallenblase?
Sie ist lediglich ein Zwischenspeicher der Gallenflüssigkeit, um zusätzlich Flüssigkeit für die Verdauung bereitzustellen.
Kann man ohne Gallenblase leben?
Auf jeden Fall. Entwicklungsgeschichtlich gesehen brauchten die Menschen in der Frühzeit den zusätzlichen Gallenspeicher, weil sie oft in großen Mengen essen mussten – zum Beispiel dann, wenn die Neandertaler ein Mammut erlegt hatten. Heute können wir gut darauf verzichten.
Bis zu 20 Prozent der Bevölkerung entwickeln im Laufe des Lebens Gallensteine. Warum?
Das hängt mit dem westlichen Lebensstil zusammen. Es gibt aber auch Risikofaktoren, die nicht zu beeinflussen sind (siehe Artikel unten).
Gibt es Möglichkeiten, einmal entstandene Gallensteine wieder loszuwerden?
Die meisten Gallenblasensteine bestehen aus Cholesterin. Wenn sie sehr klein sind, gibt es theoretisch die Möglichkeit, sie mittels eines Medikamentes, der Ursodeoxycholsäure (UDCA), aufzulösen. Da aber immer wieder neue Steine entstehen werden, macht das allenfalls bei sehr alten oder vorerkrankten Patienten einen Sinn, denen man keine OP mehr zumuten möchte. Früher wurden Steine auch zertrümmert und die Teile dann mittels einer Art Magenspiegelung – ERCP genannt – geborgen. Wegen der ernsten möglichen Komplikationen und der Neubildung der Steine in weit über 50 Prozent der Fälle macht man das so nicht mehr. Da immer auch eine Funktionsstörung der Gallenblase selbst vorliegt, wird heute immer die komplette erkrankte Gallenblase entfernt.
Machen Gallenblasensteine immer Probleme?
80 Prozent dieser Patienten werden in ihrem Leben nie Probleme damit haben. Bei den restlichen 20 Prozent kann es zu Koliken oder einer Entzündung der Gallenblase mit krampfartigen Schmerzen typischerweise im rechten Oberbauch, teilweise mit Ausstrahlung in die rechte Schulter kommen. Wenn ein Stein den Abfluss blockiert, besteht die Gefahr einer Blutvergiftung. Dann kommen möglicherwesise Fieber, Übelkeit und erhöhte Entzündungswerte im Blut hinzu.
Und dann?
Dann sollten Sie in jedem Fall ihren Arzt aufsuchen, auch wenn der Schmerz von allein verschwindet. Der kann einfach mittels Ultraschall feststellen, ob Gallenblasensteine vorhanden sind oder sogar eine Gallenblasenentzündung vorliegt. Sollte ein Stein den Galleabfluss blockieren, muss er mit der ERCP-Technik zeitnah entfernt werden. Andernfalls droht eine Butvergiftung und auch die Entzündung der nahe gelegenen Bauchspeicheldrüse. Das bedeutet akute Lebensgefahr.
Wann muss die Gallenblase entfernt werden?
Nach einer Kolik oder Entzündung der Gallenblase empfehle ich die Entfernung auf jeden Fall. Auch bei Gallenblasenpolypen, die größer als ein Zentimeter oder Steinen, die größer als drei Zentimeter sind. Ebenso bei der Porzellangallenblase, bei der die Gallenblasenwand verkalkt – ein Prozess, der auf eine lange bestehende Entzündung hinweist. In all diesen Fällen steigt zudem das Risiko des Gallenblasenkrebses.
Kann es zu Spätfolgen nach der Entfernung kommen?
Eigentlich nicht. In sehr seltenen Fällen kommt es zu einer erneuten Steinbildung in den Gallengängen. Zugrunde liegen hier seltene genetische Erkrankungen, die schon in sehr jungen Jahren auftreten.
Gibt es weitere Erkrankungen der Galle?
Es gibt Autoimmunerkrankungen der Gallenwege, die die ganz kleinen Gallengänge der Leber befallen. Von dieser sogenannten PBC (Primär billiäre Cholangitis) sind meist Frauen zwischen 40 und 60 Jahren betroffen. Junge Männer trifft eher der Befall der größeren Gallengänge auch außerhalb der Leber, die PSC (Primär sklerosierende Cholangitis). Häufig tritt sie zusammen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie der Colitis ulcerosa und Morbus Crohn auf.
Wie machen sich diese Erkrankungen bemerkbar?
Die Patienten klagen über Abgeschlagenheit und häufigen Juckreiz. Für die Diagnose sind bestimmte Blutwerte der Leber sowie die Bestimmung der Autoantikörper wichtig. Zusätzlich kann eine Untersuchung der Gallengänge im MRT sinnvoll sein. Eine Biopsie ist nur selten nötig.
Wie sieht die Therapie aus?
Unbehandelt können diese Erkrankungen zur Bildung einer Leberzirrhose führen. Es gibt jedoch wirksame Medikamente, bei denen sich die Zirrhose in bis zu 70 Prozent der Fälle verhindern lässt.
Wie wird eine Krebserkrankungen der Galle behandelt?
Am wichtigsten ist die möglichst frühzeitige Entfernung der Gallenblase. Gefährdet für Krebserkrankungen der Gallenwege sind vor allem Patienten mit den erwähnten Vorerkrankungen oder mit angeborenen Fehlbildungen der Gallenwege. Auch hier sollte möglichst früh operiert werden. Neuere Therapieansätze bei Gallengangskrebs sind die Behandlung mit Hochfrequenzstrom oder Medikamenten, die die Krebszellen lichtempfindlich machen. Man kann sie dann mit einem speziellen Laser veröden.
Gibt es frühe Warnsignale?
Leider nicht. Spätestens bei einer Gelbfärbung der Augen oder der Haut sollte man sofort zum Arzt gehen.
Sind Gallen-Patienten stärker gefährdet für eine Covid-19-Infektion?
Patienten mit Gallensteinen meines Erachtens nicht. Für Menschen mit Autoimmun- und Krebserkrankungen der Gallengänge oder -blase ist die Impfung dagegen in besonderem Maße sinnvoll und auch notwendig.
Interview: Corinna Martens