Jeder fünfte Deutsche kennt es: dieses Brennen in der Brust, der Schmerz in der Nacht – Sodbrennen! Es verdirbt uns das gemütliche Gläschen Wein am Abend, Omas feinen Sonntagsbraten oder das Stückchen Genuss-Schokolade. Sodbrennen, auch Reflux genannt, entsteht, wenn Magensaft in die Speiseröhre gelangt. Das geschieht vor allem dann, wenn wir gerade dem frönen, was uns Spaß macht oder was uns besonders gut schmeckt: Alkohol, Schokolade, fettiges Essen und natürlich auch Nikotin.
Bestimmte Medikamente – die Protonenpumpenhemmer (PPI) – stehen zurzeit in der Kritik, weil sie im Verdacht stehen, bei langfristiger Einnahme Nebenwirkungen zu haben. Mythos und Wahrheit zu Protonenpumpenhemmern: Der Merkur befragte Privatdozent Dr. Christian Schulz, Oberarzt der Medizinischen Klinik II am Klinikum der LMU Großhadern und Facharzt für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie.
Machen Säureblocker abhängig?
Kurz gesagt: Nein! Jedoch führt die deutliche und anhaltende Besserung der Beschwerden dazu, dass sich sowohl Patient als auch der behandelnde Arzt oft schwer wieder davon trennen können.
Besteht ein höheres Risiko für Demenz?
Es gab Studien, die ein erhöhtes Risiko vermuten ließen. Jedoch gibt es auch deutlich mehr und gut aufgebaute Studien, die den Verdacht widerlegen konnten. Eine Demenz aufgrund von Säureblockern braucht niemand fürchten.
Gibt es Langzeitrisiken?
Säureblocker sind schon seit 1989 auf dem Markt. Über diesen Zeitraum konnten einige wenige Nebenwirkungen tatsächlich bewiesen werden. Dazu gehört ein äußerst geringes Risiko eines akuten Nierenversagens sowie ein leicht erhöhtes Risiko für Magen-Darm-Infektionen. Das ist leicht nachzuvollziehen, da die Medikamente die Säure reduzieren, die rein evolutionär als Barriere für Keime gedacht war. Bei der heutzutage zubereiteten Nahrung (braten, garen et cetera) ist die Magensäure eigentlich nur noch ein archaisches Überbleibsel der Neandertaler, die das Mammut roh verschlungen haben.
Was weiß man über Risiken zu Osteoporose?
Die längerfristige Einnahme von Säureblockern kann den Calcium- und Magnesiumhaushalt beeinflussen und stellt somit ein leicht erhöhtes Osteoporose-Risiko dar. Das ist trotz schlecht belastbarer Daten mechanistisch nachvollziehbar. Ebenso verhält es sich mit dem Vitamin B12, zuständig zum Beispiel für die Entwicklung von Blutzellen und der Versorgung der Nerven. Es kann aufgrund hormoneller Mechanismen durchaus ein leicht erhöhtes Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel unter Säureblockern angenommen werden.
Allerdings ist auch hier die Beweislage für eine klinische Relevanz schwach. Zusammenfassend sind diese Medikamente aus meiner Sicht sehr gut verträgliche Medikamente mit flachem Nebenwirkungsprofil. Bei gegebener Indikation gibt es keinerlei Gründe, diese PPI nicht auch langfristig einzunehmen.
Gibt es irgendwelche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten?
Die gibt es, aber eigentlich nur mit den älteren PPI. Vor allem Omeprazol zeigte Interaktionen mit Clopidogrel, das nach einem Herzinfarkt oder Stent eingesetzt wird. Es führte zu einer schlechteren Wirksamkeit des Blutverdünners. Bei den anderen Säureblockern ist das kein Problem. Vorsicht gilt bei bestimmten Chemotherapeutika beziehungsweise Biologika-Therapien in der Krebstherapie.
Wie sollte Sodbrennen also therapiert werden?
Gibt es keinerlei Warnsignale (siehe Kasten oben) wie Gewichtsabnahme, Schluckbeschwerden oder Zeichen einer Blutung, muss nicht initial eine Magenspiegelung durchgeführt werden. Man kann hier einen Therapieversuch mit PPI über vier Wochen starten.
Bei Besserung sollten dann auslösende Faktoren (siehe Kasten unten) wie bestimmte Nahrungsmittel vermieden und die Säureblocker ausgeschlichen werden. Durch Veränderung der Lebensumstände kann man dann sehr häufig von diesen Medikamenten wegkommen beziehungsweise die Einnahme auf den Bedarf reduzieren. Sollten die Beschwerden nach drei Monaten noch andauern, muss an eine Magenspiegelung gedacht werden.
Spielt bei Reflux auch das Magenbakterium Helicobacter pylori eine Rolle?
Nein! Reflux ist absolut keine Indikation für einen Test auf Heliobacter pylori.
Wie hoch ist das Risiko für Speiseröhrenkrebs?
Sehr gering. Bei bis zu 60 Prozent der Refluxpatienten sind keine sichtbaren Veränderungen der Schleimhaut der Speiseröhre zu finden. Fortgeschrittene Veränderungen, der sogenannte Barrett-Ösophagus, entstehen bei circa jedem zehnten dieser Patienten. Eine Weiterentwicklung zu einem bösartigen Tumor ist mit einem jährlichen Risiko von 0,1–0,15 Prozent sehr niedrig. Patienten mit endoskopisch nachgewiesenen Vorstufen eines bösartigen Tumors werden endoskopisch überwacht.
Wie oft sollte bei Sodbrennen eine Magenspiegelung durchgeführt werden?
Die Magenspiegelung kann kein Sodbrennen heilen. Sie sollte also nur durchgeführt werden, wenn Warnsignale bestehen. Nur bei nachgewiesenen Veränderungen der Schleimhaut, einer Verschlechterung der Symptome und zur Abheilungskontrolle fortgeschrittener Veränderungen unter Therapien macht eine Wiederholung der Untersuchung Sinn. Die Abstände entscheidet der behandelnde Gastroenterologe je nach Befund und Symptomen.
Sind Zwerchfellbrüche, sogenannte Magenhernien, ein Risikofaktor für Sodbrennen?
Ja, da bestimmte Formen des Zwerchfellbruches den Verschlussmechanismus zwischen Magen und Speiseröhre schwächen und somit das Aufsteigen von Magensäure begünstigen können.
Gibt es Operationen gegen Sodbrennen?
Nur ein sehr geringer Anteil der Refluxpatienten benötigt eine Anti-Reflux-Operation. Das sind diejenigen, die trotz maximaler medikamentöser Therapie und Lebensstilanpassung nicht beschwerdefrei werden oder einen sehr großen Zwerchfellbruch haben. Diese Patienten gehören in sehr erfahrene chirurgische Hände. Dabei wird der obere Teil des Magens um den unteren Teil der Speiseröhre fixiert, um so einen festeren Verschluss zu schaffen.
Gibt es neue Techniken?
Neu sind endoskopische Methoden an spezialisierten Zentren. Hier wird bei einer Bauchspiegelung ein Magnetband um den unteren Teil der Speiseröhre gelegt, wodurch der Verschluss ebenfalls verbessert wird.