München – Prof. Dr. Martin Korte ist Neurobiologe an der TU Braunschweig. Der 58-Jährige leitet dort das Zoologische Institut. Seit Jahren beschäftigt er sich mit den Themen „Kreativität“ und „Lebenslanges Lernen“. Dazu hat er verschiedene Bücher veröffentlicht wie „Jung im Kopf. Erstaunliche Einsichten der Gehirnforschung in das Älterwerden“ und „Wir sind Gedächtnis. Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind“. Im Interview erläutert der Hirnforscher, wie man bis ins hohe Alter geistig fit bleiben kann, warum das Lösen von Kreuzworträtseln noch kein „Gehirnjogging“ ist und welche Rolle Bewegung und ausreichend Schlaf für unser Gehirn spielen.
Kreativität – was ist das überhaupt?
Wenn wir das so genau wüssten (lacht). Zum einen kann Kreativität ein Prozess sein, wenn man für ein Problem eine völlig neue Lösung findet. Kreativität kann aber auch ein Produkt sein, wenn man etwas Neues erschafft. Eine Idee also, die es vorher so noch nicht gab, im künstlerischen oder technischen Bereich zum Beispiel.
Kann wirklich jeder Mensch kreativ sein?
Ja, jeder Mensch kann kreativ sein und ist es auch. Aber wie kreativ wir sind, hängt davon ab, wie viel wir uns selbst zutrauen. Die Frage ist, ob man gerne mal was Neues probiert oder es lieber so macht, wie man es schon immer gemacht hat. Wenn man eine Lampe wechseln möchte, aber man gerade keine Leiter zur Verfügung hat, überlegt man sich vielleicht, wie man die Birne an der Decke trotzdem austauschen kann. Auch das ist Kreativität.
Verändert sich Kreativität im Laufe eines Lebens?
Es verändert sich nicht die Fähigkeit, kreativ zu sein. Dass ältere Menschen nicht kreativ sein sollen, ist ein Mythos. Während Jüngere scheinbar aus dem Nichts kreative Ideen generieren, kombinieren Ältere eher Wissenselemente aus ihrem großen Wissensfundus. Um kreativ zu sein, braucht es auch viel Wissen. Kreativität und Wissen sind keine Gegensätze. Ein erfahrener Chefkoch wird ein Rezept zusammenstellen, an das weniger erfahrene Köche nicht mal gedacht haben.
Wie wichtig sind Kreativität und lebenslanges Lernen im Alter?
Beide sind extrem wichtig, um jung im Kopf zu bleiben. Gehirne erhalten sich umso besser, je mehr sie genutzt werden. Gerade beim kreativen Denken werden ganz viele unterschiedliche Gehirn-Areale verwendet. Und auch Lernen ist eine enorm anspruchsvolle Tätigkeit. Das Gehirn braucht dabei viel Energie, deutlich mehr als beim bloßen Denken. Je mehr Nervenzellen genutzt werden, umso besser ist es.
Was kann man konkret tun, um im Alter fit zu bleiben?
Man darf keine Angst vor Fehlern haben. Gerade ältere Menschen scheuen sich, Neues auszuprobieren, weil sie sich vor Misserfolg fürchten. Dabei muss man bereit sein, seine Komfortzone zu verlassen. Lebenslanges Lernen ist anstrengend, dafür muss man sich immer wieder motivieren. Am besten kann man das, indem man Tätigkeiten wieder aufnimmt, die man schon mal gemacht hat. Zum Beispiel ein altes Instrument rauskramen, wenn man in der Jugend musiziert hat. Ein völlig neues Instrument würde ich nicht empfehlen zu erlernen. Die Frustration über etwaige geringe Lernerfolge könnte zu groß werden.
Was kann man noch tun?
Auf Reisen gehen. Dabei bildet man sich nicht nur weiter, sondern sammelt auch neue Eindrücke und ist mit anderen Menschen zusammen. Unfreiwillige Einsamkeit sollte man vermeiden. Indem man Zeit mit anderen verbringt, wird das eigene Gedächtnis trainiert. Wer keinen Anschluss durch Familie, Nachbarn oder Freunde hat, kann sich soziale Kontakte in Vereinen suchen und sich dort ehrenamtlich engagieren. Auch gemeinsame Brett- oder Kartenspiele tun nachweislich gut, um geistig fit zu bleiben.
Was ist mit Kreuzworträtseln?
Kreuzworträtsel ist ein spezifisches Gedächtnis- und Sprachtraining, aber kein „Gehirnjogging“, wie es so oft heißt. Unter Gehirnjogging verstehe ich eine große Aktivierung des Gehirns, wie es zum Beispiel beim Erlernen von Neuem oder beim Sport der Fall ist. Wer Kreuzworträtsel macht, wird im Kreuzworträtseln besser – das Gehirn altert dadurch aber nicht unbedingt langsamer. Wenn es einem Spaß macht, sollte man damit aber nicht aufhören.
Das Gleiche gilt wohl dann für viele „Gehirnjogging“-Apps auf dem Handy.
Bevor man gar nichts macht, kann man auch Apps auf dem Handy verwenden. Wenn eine App verspricht, dass man durch das digitale Training um Jahre jünger im Kopf wird, ist das natürlich Abrakadabra. Eine Runde Mensch-ärger-dich-nicht in Gesellschaft ist definitiv besser für unser Gehirn. Aber jeder Mensch muss dem nachgehen, was ihm Spaß macht. Ich gebe aber zu bedenken, dass man viel Zeit am Handy verplempern kann, was für unsere geistige Fitness nicht unbedingt förderlich ist. Der ständige Pseudo-Multitasking-Modus, vor allem wenn man noch im Berufsleben steht, tut uns nicht gut.
Warum ist körperliche Bewegung für das Gehirn so wichtig?
Um Neues zu lernen, muss man sich länger auf eine Sache konzentrieren können, ohne abgelenkt zu werden. Wer Sport treibt, fördert sein Konzentrationsvermögen. Körperliche Aktivität kann auch körperliche Kreativität sein, zum Beispiel beim Tanzen oder indem man mit anderen neue Choreografien erlernt. Schon eine halbe Stunde sportliches Training an drei bis vier Tagen pro Woche reicht in der Regel aus, um uns fit zu halten. Und Sport ist in jedem Alter enorm wichtig.
Welche Rolle spielt ausreichend Schlaf?
Schlaf ist lernfördernd, denn nachts wird das verarbeitet, was man tagsüber gelernt hat. Deshalb sollte man schon in jungen Jahren darauf achten, genügend und erholsam zu schlafen. Wer gut und ausreichend schläft, ist am nächsten Tag konzentrierter und kann besser arbeiten. Die Schlafdauer nimmt aber im Laufe eines Lebens immer weiter ab.
Interview:
Jennifer Battaglia