München – Gilt der Hund als bester Freund des Menschen auf vier Pfoten, so ist der Spatz unser treuester fliegender Begleiter! Als die ersten Frauen und Männer sesshaft wurden, zog der Haussperling mit unter die Dächer der Hütten und Häuser ein. Er verfütterte Insekten und Schädlinge der Umgebung an seine Jungen und durfte sich dafür Getreidekörner stibitzen. Diese uralte Beziehung steht in München auf der Kippe: „Es gibt nur noch vereinzelte Spatzentrupps in der Stadt“, warnt Sylvia Weber vom Landesbund für Vogel- und Naturschutz: „Wenn wir jetzt nicht handeln, ist München bald spatzenfrei.“ Die Vogelschützerin ist alarmiert: „Eine Stadt, die für Spatzen nicht lebenswert ist, wird es auf Dauer auch für Menschen nicht sein.“
Der Weltspatzentag in dieser Woche soll daran erinnern, dass sich selbst sogenannte Allerweltsarten schwertun. In den letzten 40 Jahren sind laut einer Studie aus dem Jahr 2021 in Europa fast 250 Millionen Spatzen verschwunden. Der Spatz steht bayernweit auf der Vorwarnliste der vom Aussterben bedrohten Arten. „Gäbe es eine eigene Rote Liste nur für München, wäre er stark gefährdet“, so Sylvia Weber. Beim Menschen ist kein Platz mehr für den geselligen Vogel: Moderne Häuser werden kompakt gebaut, bei Sanierungen wird auch das kleinste Loch verstopft: „Aus energetischen Gründen“, so Sylvia Weber, die bittet, immer auch an Wohnungen für die gefiederten Untermieter zu denken. Sonst wird der Spatz obdachlos – er braucht Schlupflöcher zum Nestbau für seinen Nachwuchs. Es gibt immer Möglichkeiten, ins Mauerwerk kleine Bruthöhlen einzubauen: „Von außen sieht man nur ein Einflugloch. Das fällt gar nicht auf. Für derlei Artenschutzmaßnahmen gibt es sogar staatliche Fördergelder“, so Sylvia Weber. Die Stadtvögel, ihre Nester und Brut sind geschützt, wer das tierische Zuhause zerstört, begeht einen Straftatbestand, der mit bis zu 50 000 Euro geahndet werden kann. „Da hilft auch nicht, dass man aus Unwissenheit gehandelt hat“, so Sylvia Weber. Spatzen sind soziale Vögel, sie brüten nicht allein, sondern in einer Kolonie. Sie warnen sich vor Feinden und helfen auch gegenseitig, den Nachwuchs großzuziehen, wenn ein Elternvogel ausfällt.
Spatzen sind treue Untermieter, wo es ihnen gefällt, da bleiben sie. Doch nicht nur die Kinderstube muss gesichert sein, die Vögel brauchen auch einen Versammlungsplatz, ein großes Gebüsch oder eine dichte Hecke: „Hier treffen sie sich mehrmals am Tag und tschilpen gemeinsam.“ „Wir sehen leider auch häufiger, dass schön begrünte Innenhöfe kahl geräumt werden“, so Weber. In Schwabing wurde ein uralter Schlingknöterich abgeholzt – die Pflanze machte zu viel Dreck. In einem Innenhof am Goetheplatz wurden blühende Büsche und die Fassadenbegrünung weggerissen. Die Kolonien von jeweils rund zehn Brutpaaren zogen zwangsweise aus, „obwohl die Nistplätze nach wie vor vorhanden waren“.
Denn werden die Jungen flügge, brauchen sie bei ihren ersten Flugversuchen ein Versteck vor Räubern wie Sperbern aus der Luft oder Katzen und Marder vom Boden – ohne Spatzenhecke keine Spatzen. Ein Spatzenpaar brütet zwei- bis dreimal im Jahr, doch nur die Hälfte der Jungen überlebt. Die Lieblingspflanze des kleinen braunen Vogels ist der Liguster: „Eine Schnitthecke oder einzelne Kugel bekommt eine sehr dichte Oberfläche, da sind die Vögel sicher“, so die Vogelexpertin. Ist das Dach über dem Kopf und die Treffpunkte gesichert, fehlt es oft an Nahrung: „Ein Garten, der vielleicht eine Amselfamilie ernährt, reicht nicht für eine Kolonie von zehn Spatzenbrutpaaren“, gibt Sylvia Weber zu bedenken.
In den ersten Lebenstagen werden die Küken nur mit Insekten, vorzugsweise Blattläusen, gefüttert. „Da die Zahl der Insekten schrumpft, haben es auch die Spatzen schwerer“, so Weber. Die Vogelschützer beobachten, dass die Tiere immer weiter an den Stadtrand ziehen oder eher noch in kleinen Städten zu finden sind. Aber dann ist Schluss: Der Haussperling braucht im Gegensatz zum Feldsperling den Menschen als Nachbarn. „Der Feldsperling nistet auch in Baumhöhlen“, so Weber, „das würde der Haussperling nie tun.“ Sie hofft, dass möglichst viele Hausbesitzer unseren gefiederten Freunden einen Unterschlupf anbieten: „Wenn Spatzen in München überleben sollen, gelingt das nur, wenn wir möglichst viele grüne Korridore und Brutplätze schaffen, damit sich die wenigen Kolonien in der Stadt wieder verbinden.“ Ansonsten werden die Vogelfamilien zunächst genetisch verarmen und schließlich aussterben: „Wir dürfen unsere Spatzen nicht im Stich lassen.“
Weitere Infos:
www.lbv-muenchen.de Die LBV-Expertin Sylvia Weber berät Hausbesitzer kostenlos und freut sich über Anfragen.