Wenn der Körper SOS funkt

von Redaktion

Das Buch „Die Stimme unseres Körpers“ ist bei Ullstein extra erschienen.

Herzrasen, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen sind Warnsignale des Körpers. © Mauritius

München – Der Experte für die Alarmsignale unseres Körpers sagt: „Wer die feinen Signale überhört, riskiert auf Dauer Reizmagen, Burn-out oder sogar Tinnitus“. Zusammen mit Prof. Ingo Froböse haben wir aus seinem neu erschienen Buch zehn typische Alarmsignale herausgegriffen und erklären, was dahinterstecken kann und was Sie dann tun sollten. Bei allen Warnsignalen gilt: Halten sie länger an und kriegen Sie die Symptomatik selbst nicht in den Griff: Holen Sie sich ärztliche oder therapeutische Hilfe!

■ Dauermüde im Alltag

Müde nach einem langen Tag: normal. Aber wenn Sie sich wochenlang wie „leer“ fühlen, ist das ein Warnschuss. Froböse unterscheidet klar: „Müdigkeit verschwindet mit Schlaf, Erschöpfung braucht längere Erholung und entsteht durch Überlastung.“ Ignorieren wir beides, sendet der Körper laut Notruf, es könnte in Richtung Burn-out gehen.

■ Herzrasen im Liegen

Wenn das Herz beim Treppensteigen, beim Zug-Sprint oder bei Lampenfieber mal schneller schlägt, ist das normal. Aber: Steigt der Ruhepuls plötzlich dauerhaft, ist das ein klassisches Warnsignal. Laut Froböse ist die Ruhe-Herzfrequenz ein wichtiger Gesundheits-Check: „Steigt sie um einige Schläge, deutet das auf Überlastung oder Krankheit hin.“ Schon ein Grad Fieber erhöht den Puls um rund acht bis neun Schläge, das relativiert sich normalerweise nach einem Infekt wieder. Eine dauerhaft hohe Ruhefrequenz ist allerdings besorgniserregend.

■ Alles zu laut und zu viel

Plötzlich ertragen Sie kein grelles Licht mehr, Geräusche nerven sofort, Sie fühlen sich wie „neben sich stehend“ – dazu kommen Schwindel oder Benommenheit? „Das kann ein Zeichen dafür sein, dass Ihr Nervensystem im Dauerstress-Modus festhängt. Chronischer Stress überaktiviert den Sympathikus, das Stresshormon Cortisol bleibt oben, verschlechtert direkt die Wahrnehmung und führt zur mentalen Erschöpfung durch Reizüberflutung“, erklärt Froböse.

■ Konzentration weg

Sie bringen keine E-Mails zu Ende, verlieren den roten Faden, fühlen sich dünnhäutig? Froböse sagt: „Frühe Anzeichen einer gestörten kognitiven Wahrnehmung sind massive Konzentrationsprobleme, langsame Informationsverarbeitung und ein Tunnelblick, der nur noch Einzelaspekte sieht.“ Emotional kommen Überempfindlichkeit und das Gefühl, alles sei bedrohlich, dazu.

■ Bleibende Schmerzen

„Ein Leben ohne Schmerz wäre lebensgefährlich“, so Prof. Froböse: Schmerz ist ein überlebenswichtiges Warnsystem. Nozizeptoren melden potenziell schädliche Reize, das Gehirn bewertet sie körperlich und emotional. Bei kurzem und heftigen Schmerz wie etwa beim Tritt auf einen Nagel ist die Ursache offensichtlich. Kritisch wird es, wenn Schmerzen neu auftreten, zunehmen oder sich verändern und länger bleiben.

■ Kein Durst mehr

Im Alter lässt das Durstgefühl nach. Froböse erklärt: „Das Durstzentrum im Hypothalamus reagiert weniger empfindlich, die Hormonregulation verändert sich, die Nieren arbeiten schwächer.“ Die Folge: Viele hochbetagte Menschen trinken schlicht zu wenig, werden verwirrt und das nicht selten „nur“ wegen Dehydrierung.

■ Ständig am Essen

„Hunger? Kennen Sie das Gefühl überhaupt noch?“, fragt Froböse. In einer Gesellschaft voller Essen rund um die Uhr verlieren viele den Kontakt zu echtem Hunger und Sättigung. Mehr als 60 % der Männer und über 50 % der Frauen in Deutschland sind übergewichtig – auch, weil essen nach Uhr, Emotion oder Langeweile den natürlichen Regelkreis unterläuft. „Chronischer Hunger oder Hungern aus Diätwahn ist genauso gefährlich: Der Körper baut bei anhaltendem Hunger sogar Muskulatur ab, um Energie zu gewinnen“, ergänzt der Sportwissenschaftler.

■ Bauch im Aufruhr

Magenknurren ist erstmal normal. Unser Verdauungstrakt arbeitet immer, selbst ohne Nahrung im Magen. Ist der Magen leer, steigt das Hungerhormon Ghrelin, die Aktivität des Magen-Darm-Trakts nimmt zu – die Geräusche werden lauter. Alarm wird es, wenn ständig Beschwerden, Schmerzen, Blähungen oder Durchfälle dazukommen. Froböse erklärt, wie es zum Reizdarm kommt: „Dahinter steckt oft Stress, ungesundes Essen, verändertes Darmmikrobiom und eine gestörte Kommunikation zwischen Gehirn und Darm.“

■ Verspannte Muskeln

Muskelverspannungen bis hin zum Hexenschuss sind laut Prof. Froböse die Folgen, wenn wir Körpersignale lange ignorieren. Auch hinter ständiges Gähnen steckt mehr als Langeweile. Gähnen tritt bei Müdigkeit, Inaktivität, Stress und sinkender Gehirnaktivität auf, um Wachsamkeit und Gehirnkühlung zu verbessern.

■ Die Spätsignale

Froböse bringt es auf den Punkt: „Wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, bekommt die Quittung: Reizmagen, Burn-out oder Ohrgeräusche wie bei einem Tinnitus sind drastische Folgen, wenn man die Warnsignale des Körpers überhört.“ Das sind keine „nervigen Befindlichkeiten“, sondern Spätsignale eines Körpers, der lange vorher schon leise geflüstert hat und mit Müdigkeit, Verspannungen, Konzentrationsstörungen und Reizbarkeit auf seine zu hohe Belastung aufmerksam machen wollte.

„Es gilt, die Stimmen unseres Körpers zu hören und sich dadurch wieder selbst verstehen zu lernen“, sagt Froböse. Denn unser Organismus will vor allem eines: Balance. Er arbeitet im Hintergrund unglaublich komplex, um die sogenannte Homöostase zu halten – also innere Stabilität trotz Stress, Hitze, Emotionen. Und wir können lernen, seine Stimme wieder wahrzunehmen.

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