Mit Weißbier kennt sich Georg Schneider V. aus. Er hat es quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Auch als kleiner Bub durfte er zum Abendessen schon ein Stamperl trinken. Für den Spross einer Brauereidynastie ist das nur standesgemäß. Heute feiert der Seniorchef der Schneider Weissen in Kelheim seinen 90. Geburtstag.
Sein Ur-Ur-Großvater Georg Schneider I. gründete 1872 die Weißbierbrauerei. Ein Pionier, lag das Monopol zum Weißbierbrauen bis dato doch beim Hof. Er kaufte von Ludwig II. das Weißbier-Braurecht. Ein mutiger Schritt, denn mit der Erfindung der Kühlmaschine lief das untergärige Bier dem Weißbier den Rang ab. Doch davon ließen sich Georg I. und sein Sohn Georg II. nicht abhalten. Sie erwarben die stillgelegte Maderbrauerei in München im Tal und brauten nach eigenem Rezept.
Georg V. Schneider kann auf ein Lebenswerk mit Geschichte blicken. Einer Geschichte, die nur noch wenige Brauereien in Bayern vorzuweisen haben. Selten sind sie noch in Familienbesitz. Durch Krisen und Fusionen verschwanden nach und nach die Namen vieler alter Bierfamilien. Große Konzerne beherrschen den Markt.
Dass es Schneider Weisse bis heute gibt, ist auch nicht selbstverständlich. Arg traf es die Brauerei im Zweiten Weltkrieg. Den Tag, als alles in Schutt und Asche lag, wird Georg V. Schneider nie vergessen. 1944 brachten sein Vater und er die Mutter, übrigens Tochter des letzten Bogenhausener Bürgermeisters Josef Selmayr, und die Schwester zum Bahnhof, Richtung Sicherheit. Auf dem Rückweg kamen die Flieger. Die beiden schafften es in einen Luftschutzkeller. Als es vorbei war, gingen sie zur Brauerei im Tal. Sie war nur noch ein Haufen Trümmer. Glück im Unglück: Schon 1928 hatte die Familie die älteste Weißbierbrauerei Bayerns, das Weiße Brauhaus zu Kelheim, gekauft. 1947 wurde die Produktion komplett nach Kelheim verlegt. Damit erlosch das Recht auf ein Wiesn-Zelt – keine Chance für eine echte Münchner Brauerfamilie, wenn sie nicht in München braut.
Der junge Georg schlug nicht den direkten Weg ins Brauereiwesen ein. Und schon gar nicht den in die niederbayrische Kleinstadt. Er studierte kurz Musik am Händelkonservatorium in München. Musik ist bis heute seine Leidenschaft. Doch das Gewicht des Familienerbes wog schwerer: Eine Lehre im Hofbräuhaus folgte. Malz schaufeln und Bottiche mit der Hand reinigen, an die harten Lehrjahre erinnert sich Schneider noch gut. In Weihenstephan studierte er Brauereiwesen, promovierte und übernahm 1953 die Verantwortung im Betrieb.
Schneider investierte viel. Er musste aber auch persönliche Schicksalsschläge verkraften. Seine erste Ehefrau Ursula Görig starb 1958 an Krebs. Mit Margareta Büchner, seiner zweiten Frau, ist er seit 55 Jahren verheiratet. Die beiden haben drei Kinder und acht Enkelkinder. Sein ältester Sohn Georg VI. leitet inzwischen die Geschäfte. 2000 zog sich der Seniorchef aus dem Betrieb zurück. „Jede Zeit hat ihre Herausforderungen“, sagt er.
In den Sechzigern kam das Weißbier wieder in Mode. Schneider steuerte seine Brauerei durch konkurrenzreiche Zeiten, setzte auf persönliche Kontakte und auf faire Arbeitsverhältnisse. Er gilt als einer der ersten Unternehmer, der Frauen gleich viel zahlte. Doch Krisen gab es auch. Der 400 Jahre alten Brauerei nahe der Donau setzten Hochwasser zu. 1965 war alles überflutet. Der Main-Donau-Kanal war die Rettung. Seitdem bleibt die Brauerei trocken, sitzt aber nie auf dem Trockenen. Schneider Weisse produziert 240 000 Hektoliter Weißbier im Jahr, Jahresumsatz 30 Millionen Euro. Aktuell sind 105 Mitarbeiter beschäftigt, exportiert wird in 40 Länder. „Wir sind immer noch eine Weißbier-Familie“, sagt der Seniorchef. Viele Mitarbeiter sind in dritter Generation in der Brauerei angestellt.
Er selbst trinkt seit einer Herzoperation Weißbier nur noch in Maßen. Aber er pflegt eine Leidenschaft für Starkbier. Vom „Aventinus“ lässt er sich immer eine Dreiliterflasche abfüllen und lagert sie drei Jahre. „Zu besonderen Anlässen wird die geköpft“, schmunzelt der Jubilar, dem man sein Alter nicht anmerkt. Heute ist es wieder so weit. Einen Schluck bekommt sicher auch Georg VII. ab. Der Enkel studiert Brauereiwesen und will die Familiendynastie weiterführen. aglaja adam