Waldkraiburg – Politik trennt Familien? Dass das nicht sein muss, zeigt eine Waldkraiburger Familie. Die Halbbrüder Norbert Fischer und Michael Steindl sitzen seit der neuen Legislaturperiode gemeinsam mit Steindls Frau Petra im Stadtrat – in drei unterschiedlichen Fraktionen. Politisch gehen sie unterschiedliche Wege, beim Ziel aber sind sie sich einig: Entscheidungen im Stadtrat sollen vorrangig der Stadt nutzen.
Unterschiedliche
Wege in die Politik
Dass dabei Meinungen auch auseinandergehen können, gehört für die drei dazu. Gerade in der Kommunalpolitik gehe es oft weniger um Parteilinien als um konkrete Lösungen für die Stadt, sind sie sich einig. Wichtig sei dabei vor allem, gute Kompromisse zu finden. „Damit die Stadt ihre Probleme anpacken kann, braucht es konstruktive Mehrheiten“, sagt Michael Steindl. Dazu müsse man selbst seine eigene Meinung auch mal hinten anstellen können, ansonsten komme die Diskussion nicht voran.
So sehr sie sich in der Sache einig sind, so unterschiedlich sind ihre Wege in die Politik verlaufen. Petra Steindls Vater war im Aschauer Gemeinderat und im CSU-Ortsverein aktiv. „Ich musste helfen, Strauß-Plakate aufzuhängen. Mir war das peinlich“, sagt Petra Steindl. Ihre Freunde hatten stattdessen „Atomkraft – Nein danke!“-Aufkleber auf dem Auto. Die Grünen seien ihr immer schon am nächsten gestanden, und so sitzt sie jetzt neu als Parteilose für die Grünen im Stadtrat.
Politische Kontroversen
nicht groß genug
Den Austausch mit verschiedenen Parteien kennt Norbert Fischer von klein auf. Sein Onkel war Hauptkassier bei der IG Metall. „Entsprechend sind die Gespräche bei der Oma gelaufen“, erinnert er sich. Für ihn gehört es dazu, in der politischen Auseinandersetzung unterschiedlicher Meinung zu sein, aber dem Gegenüber nicht böse zu sein. „Es geht viel um Sachpolitik, deshalb sind wir uns oft einig“, sagt Norbert Fischer. Auch wenn man anderer Meinung sei, müsse man sich manchmal der einzigen Möglichkeit anschließen. Fischers Vater war Waldkraiburgs Altbürgermeister Jochen Fischer, seit 2020 sitzt Norbert Fischer für die CSU im Stadtrat.
Auch bei Michael Steindl entstand das politische Interesse schon früh. Er macht es am NATO-Doppelbeschluss von 1979 fest, die beiden Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl hatten seine Jugendzeit geprägt. Dass er sich einer Partei anschließt, kam ihm nie in den Sinn. „Ich könnte mich in einer Partei nicht unterordnen oder eine Entscheidung nach außen vertreten, die ich nicht teile.“ Als sich vor rund zwölf Jahren die UWG in Waldkraiburg gründete, sah er hier eine Möglichkeit, sich politisch zu engagieren – „ohne Partei-Korsett“. Seit 2014 sitzt er für die UWG im Stadtrat – bewusst ohne Parteibindung.
Dass jetzt am Frühstückstisch oder beim gemeinsamen Treffen in der Pizzeria mehr über kommunalpolitische Themen diskutiert wird, glaubt keiner von ihnen. „Da sind zum einen noch andere Familienmitglieder dabei und zum anderen sind dafür die politischen Kontroversen nicht groß genug“, sagt Norbert Fischer. Angesichts der anstehenden Herausforderungen wie der Franz-Liszt-Mittelschule oder dem Haus der Kultur ist ein gemeinsamer Weg ohnehin der bessere. „Es stehen schwierige Aufgaben an, dazu müssen alle an einem Strang ziehen“, betonen sie.
Dennoch würden sie unterschiedliche Schwerpunkte setzen, wenn sie unabhängig von Pflichtaufgaben und finanziellem Spielraum entscheiden könnten: Petra Steindl möchte Veränderungen am Sartrouvilleplatz anstoßen, ihr Mann Michael setzt mit einem neuen Rathaus und dem Umfeld ebenfalls in der Stadtmitte an, während Norbert Fischer die Kinderbetreuung und das Waldbad als vorrangige Themen nennt.
Gemeinsam in
der Verantwortung
Ganz ausblenden lassen sich die großen Herausforderungen der Stadt allerdings nicht. Die Pflichtaufgaben würden immer mehr werden, der finanzielle Spielraum dagegen kleiner. Umso wichtiger sei es, dass Politik, Verwaltung und Bürger gemeinsam Verantwortung übernehmen. Gerade das Ehrenamt spiele dabei eine entscheidende Rolle. „Ohne Ehrenamt schaut es düster aus. Aber die gesellschaftliche Tendenz geht leider dahin, dass sich Bürger immer mehr zurücklehnen“, bedauert Petra Steindl. Eine reine Erwartungshaltung gegenüber der Politik sei aber nicht zu bedienen. Darin sind sich alle drei einig.