„Oft sind es seelische Probleme“

von Redaktion

Dr. Marianne Koch erklärt, was man tun sollte, bevor man zu Schlafmitteln greift

Dr. Marianne Koch (87) ist eine der bekanntesten Internistinnen Bayerns. Ein Gespräch über die Gefahren von Schlafmitteln (siehe auch Text oben).

Frau Dr. Koch: Immer mehr Menschen lassen sich Schlafmittel verschreiben. Wie gefährlich ist das?

Die gelegentliche Einnahme ist an sich ungefährlich. Gefährlich ist aber ihre grundsätzliche Eigenschaft, bereits nach kurzer Zeit – im Schnitt schon nach zwei Wochen – abhängig zu machen. Das bedeutet: Man kann ohne diese Mittel überhaupt nicht mehr schlafen. Gefährlich ist der Gebrauch von chemischen Schlafmitteln vor allem für Ältere. Sie haben einen reduzierten Stoffwechsel, sodass diese Substanzen langsamer abgebaut werden und oft noch am Morgen wirksam sind. Das kann zu Verwirrtheit und Stürzen führen.

Was tun, wenn man kein Auge zubekommt?

Menschen, die ständig Schlafprobleme haben, sollten, bevor sie zu einer Tablette greifen, immer abklären: Was ist der Grund dafür, dass ich schlecht schlafe? Es gibt eine Reihe von Krankheiten, die eine Ursache sein können. Zum Beispiel Schilddrüsenüberfunktion, Asthma, Herzrhythmusstörungen. Auch Medikamente können das Ein- oder Durchschlafen behindern, beispielsweise Kortison oder Beta-Blocker.

Also erst nach der Ursache suchen . . .

Oft genug sind seelische Probleme der Grund für wache Nächte: Stress am Arbeitsplatz, aktuelle Sorgen oder auch echte Depressionen. Von den üblichen Schlafverhinderern wie zu spätes Essen, zu viel Alkohol, verstörende TV-Sendungen oder auch nur Brösel im Bett einmal ganz abgesehen.

Was ist dann der nächste Schritt?

Wenn diese Ursachen ausgeschlossen oder ohne Erfolg behandelt worden sind, sollte ein Arzt den Betroffenen zunächst in ein Schlaflabor zur Diagnostik überweisen, bevor er ihm Schlaftabletten verschreibt.

Ist der Schlaf erholsam, wenn ich sogenannte Benzos nehme – also starke Schlafmittel?

Jedes chemische Schlafmittel stört die normale Schlafarchitektur mit ihrem Auf und Ab von Tiefschlaf und leichtem Traumschlaf. Und alle Benzodiazepine, wie auch die sogenannten Z-Mittel mit ihrer kürzeren Verweildauer im Körper, vermindern die Aufmerksamkeit am nächsten Tag, stören die Merkfähigkeit und erhöhen die Unfallgefahr, weil sie die Gehirnfunktionen herunterregulieren. Dazu kommt gerade bei den „Benzos“ noch eine muskelentspannende Wirkung, die am nächsten Tag Probleme machen kann. Ich will aber nicht leugnen, dass Patienten mit ständigen Schlafstörungen manchmal einfach eine Nacht brauchen, in der sie entspannt schlafen – auch wenn sie dies einer Tablette verdanken.

Hat unsere Gesellschaft ein Schlafproblem?

Es gibt da eindeutige Hinweise, dass das Leben viele Menschen stark unter Druck setzt – durch berufliche Beanspruchung, ständige zeitliche Verfügbarkeit, zu wenig unbeschwerte Freizeit. Es ist also kein Wunder, dass die Zahl der Patienten steigt, deren Stresshormonspiegel zur Schlafenszeit noch so hoch ist, dass sie glauben, ohne künstliche Betäubung durch Schlaftabletten nicht zur Ruhe zu kommen.

Warum brauchen wir ausreichend Schlaf?

Im Schlaf bringt das Gehirn Ordnung in die Millionen von Informationen, mit denen es jeden Tag überflutet wird. Außerdem stärkt der Schlaf das Immunsystem und andere Organfunktionen und unterstützt Lernen, Kreativität und Produktivität. Ständiger Schlafentzug macht krank.

Interview: Armin Geier

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