Wenn die Kräfte nachlassen, siegt allzu oft die Bequemlichkeit. Und so schwindet sie schleichend – die Lebenskraft der jüngeren Jahre. Am Ende stehen für zahllose Senioren Stürze, Pflegebedürftigkeit, Einsamkeit. „Es ist Zeit für ein gesamtgesellschaftliches Umdenken in puncto Bewegung im Alter“, mahnt Professor Martin Halle, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München. Gemeinsam mit der Beisheim-Stiftung entwickelt sein Zentrum darum zurzeit ein universal einsetzbares Bewegungsprogramm für Senioreneinrichtungen in ganz Deutschland. „bestform. Sport kennt kein Alter“ heißt diese wissenschaftliche Studie. Die Ergebnisse des sechsmonatigen Pilotprojekts mit 77 Teilnehmern im Alter von 75 bis 104 Jahren in zwei Senioreneinrichtungen (KWA Stift Rupertihof in Rottach-Egern und im Diakoniewerk München-Maxvorstadt) machen Mut: „Wer regelmäßig trainiert, ist körperlich weniger eingeschränkt, bleibt geistig fit, hat mehr soziale Kontakte und eine höhere Lebenserwartung.“ Darum soll das Projekt nun ausgeweitet werden.
Fünf Millionen Stürze
Es passiert beim Aufstehen, Gehen, Treppensteigen oder dem nächtlichen Gang ins Bad: Fast jeder dritte 65-Jährige und sogar jeder zweite über 80-Jährige stürzt mindestens einmal im Jahr. Das belegen Zahlen des Robert-Koch-Instituts, des Deutschen Zentrums für Altersfragen und des Statistischen Bundesamtes. Die drei Institutionen gehen von jährlich etwa fünf Millionen Stürzen älterer Menschen aus. Oft ist das der Beginn der Abwärtsspirale in die Hilfs- und Pflegebedürftigkeit. Professor Halle ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin und sieht, welch verheerende Folgen schwere Stürze haben: „Die Lebensqualität sinkt oft dramatisch. Die Betroffenen haben Angst vor weiteren Stürzen, verlieren ihre Selbständigkeit und ziehen sich zurück“, berichtet der Mediziner. „Wenn wir nicht gezielt trainieren, verlieren wir bis zum 80. Geburtstag etwa 50 Prozent unserer Muskelmasse“, mahnt Halle. „Körperliches Training ist die beste Medizin, um Mobilität, Lebensqualität und seelische Gesundheit älterer Menschen zu verbessern.“ Und es ist nie zu spät, damit anzufangen: „Selbst Hochbetagte profitieren enorm.“
Darum stehen seit einigen Monaten sieben hochmoderne Kraft-, Ausdauer- und Koordinations-Geräte im Trainingsraum des Diakoniewerks an der Heßstraße. Rund 30 Hausbewohner treffen sich hier zweimal wöchentlich mit den Sportwissenschaftlern der TU München zum begleiteten Training. Sie stärken Muskulatur und Knochen und trainieren auf der Balance-Plattform gezielt Koordination und Gleichgewicht – die beste Prävention gegen Stürze.
Die Geräte stammen aus Finnland. Sie wurden speziell für die Bedürfnisse älterer oder behinderter Menschen gebaut und sind leicht zu bedienen. Sitze lassen sich mit wenigen Handgriffen ausbauen, sodass auch Rollstuhlfahrer trainieren können. „Die Gewichte lassen sich nicht nur kiloweise, sondern in 100-Gramm-Schritten langsam steigern. Dafür sind viele unserer Patienten sehr dankbar“, sagt Projektleiterin Nina Schaller. Nicht zu unterschätzen beim Training seien Spaß und Gemeinschaft: „Es tut auch der Seele gut, mit Gleichgesinnten gemeinsam zu trainieren und wieder Anschluss zu finden.“ DORITA PLANGE