Zum Start der Corona-Warn-App vor 100 Tagen hatte Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) die Latte hoch gelegt. „Das ist nicht die erste Corona-App weltweit. Aber ich bin ziemlich überzeugt, es ist die beste.“ Inzwischen ist klar: In keinem anderen westlichen Land wurde eine vergleichbare Anwendung so häufig heruntergeladen wie die des Robert Koch-Instituts. Die App wurde nach Angaben des RKI inzwischen 18,4 Millionen Mal heruntergeladen. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und ntv haben 32 Prozent der Befragten sie auf ihr Handy geladen.
Dennoch bezweifeln Kritiker die Wirksamkeit der App –auch wegen technischer Unzulänglichkeiten. Die Bundesregierung sowie Entwickler der Anwendung, SAP und Deutsche Telekom, ziehen trotzdem eine positive Bilanz nach 100 Tagen: Die Download-Zahlen seien ein „Vertrauensbeweis der Bevölkerung“.
Die App erfasst mithilfe von Bluetooth-Signalen, welche Smartphones einander nahe gekommen sind. Bluetooth wurde allerdings nie für diese Aufgabe entwickelt. Daher müssen die Macher der App mit Werten kalkulieren, die oft nicht genau sind. Die App berechnet auch das Risiko, das sich aus der Gesamtzeit aller Risikobegegnungen der vergangenen 14 Tage ergibt. Außerdem kann sie Testergebnisse digital empfangen. Wenn die App in einem roten Feld ein „erhöhtes Risiko“ anzeigt, erhalten die Betroffenen die Empfehlung, zu Hause zu bleiben und einen Arzt zu kontaktieren.
Bislang hat diese Risikobewertung nicht immer zuverlässig funktioniert. So kam heraus, dass die App auf dem iPhone zeitweise Aussetzer hatte. So wurden manche Nutzer nicht oder zu spät gewarnt.
Dass die App nicht auf allen Smartphones läuft, ist nur ein Grund, warum sie weit davon entfernt ist, die Bevölkerung flächendeckend zu warnen. In Umfragen sagen rund 50 Prozent, dass sie keine App installieren möchten. Laut Forsa-Umfrage halten 58 Prozent sie für weniger beziehungsweise gar nicht hilfreich. Da manche Anwender die App auch wieder deinstalliert oder die Bluetooth-Signale abgestellt haben, fällt die Zahl der aktiven Benutzer niedriger aus. Experten schätzen sie auf 15 Millionen Menschen.
Gert G. Wagner, Mitglied des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen beim Bundesjustizministerium, macht folgende Rechnung auf: Wenn 25 Prozent der Erwachsenen die App heruntergeladen und tatsächlich aktiviert haben, dann werde von denen auch nur ein Viertel der Kontakte informiert, die unter Umständen infektiös sind. „Weil eben nur ein Viertel die App installiert haben und nicht alle. Daher muss man 0,25 mit 0,25 multiplizieren, das ergibt 0,0625. Das bedeutet, es wird ein wenig über sechs Prozent der Fälle überhaupt erfasst.“ Um auf einen Wert von 50 Prozent erfasster Fälle zu kommen, müssten mehr als 70 Prozent der Erwachsenen die App verwenden. Mit den niedrigeren Zahlen werde sie aber nicht irrelevant, „sechs Prozent sind deutlich mehr als nichts“.
Die App könnte allerdings besser funktionieren, wenn Gruppen mit einem überdurchschnittlichen Infektionsrisiko sie häufiger nutzen würden als der Durchschnitt, gibt Wagner zu bedenken. Auf diesen Zusammenhang weist auch Karl Lauterbach, der Gesundheitsexperte der SPD-Bundestagsfraktion, hin. „Die App wird unterschätzt“, sagt er. „Für die erste Welle kam sie zu spät, für die zweite Welle zu früh.“ Die App könne noch einen großen Beitrag leisten.
Weil die Nutzungszahlen so entscheidend für den Erfolg sind, rief die Bundesregierung dazu auf, die App auch mit Blick auf den Herbst und Winter intensiver einzusetzen. „Bitte nutzen Sie dieses Werkzeug“, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Dazu gehöre, bei einem positiven Testergebnis auch seine Kontakte darüber zu informieren. Bisher passiere dies nur in etwa der Hälfte der Fälle. Insgesamt hätten fast 5000 Nutzer Kontakte auf diese Weise gewarnt. Bei je zehn bis 20 Kontakten hätten so zigtausend Menschen informiert werden können.
Die Opposition im Bundestag zieht eine kritische Bilanz. „Die Corona-Warn-App bleibt unter den Erwartungen“, sagte der Münchner Grünen-Abgeordnete Dieter Janecek der „Augsburger Allgemeinen“. „Sie ist zwar ein sinnvoller Baustein zur Eindämmung der Pandemie, aber nur herunterladen bringt nichts, wenn die App nicht auch genutzt wird.“