München versinkt im Bürokratie-Sumpf, bei den Behörden herrscht Dauerstau. Viele Gefährdete bekommen vom Amt mittlerweile gar keine Nachricht mehr, stattdessen sollen die Infizierten ihre Kontaktpersonen selber warnen. Laut Gesundheitsreferat (GSR) sind momentan rund 16 300 Münchner in Quarantäne. Auch die Eltern von Kita-Kindern sind alarmiert: Quarantäne-Bescheide würden viel zu spät verschickt. Das Corona-Chaos – zwei Münchner berichten.
Am 15. November hat Kai Mardeis (52) Post vom GSR bekommen: Sein Sohn soll sich bis 6. November in Quarantäne begeben. „Das ist doch ein Witz“, sagt der Münchner.
Ein Erzieher in der Einrichtung des Fünfjährigen sei am 27. Oktober positiv getestet worden. Der Kindergarten habe die Eltern sofort informiert. „Alle Kinder haben sich testen lassen“, sagt Mardeis. Er ging mit seinem Sohn in die Apotheke, der PCR-Test war negativ. Wie die Sache ausgegangen wäre, wenn „Eltern das irgendwie nicht mitgekriegt hätten“, will sich der Vater gar nicht vorstellen.
Das GSR teilt auf Anfrage unserer Zeitung mit, dass es im Zuge der deutlich angestiegenen Fallzahlen „teilweise zu verzögerten Kontaktaufnahmen“ komme. Das Personal sei bereits aufgestockt. Laut einer Sprecherin wird das Schreiben den Eltern auch dann zur Verfügung gestellt, wenn es eigentlich zu spät ist – für den Fall, dass es benötigt wird, um Ansprüche etwa gegenüber der Krankenkasse geltend zu machen.
In Münchens Schulen und Kitas wurden laut GSR „zuletzt rund 1200 Fälle die Woche“ gemeldet. Bei den Kitas seien es aktuell 150 Fälle pro Woche – Tendenz steigend. 108 Kitas (oder Gruppen) sind ganz oder teilweise geschlossen (Stand 19. November).
Auch die Buchharts kämpfen mit dem Chaos. Hans Buchhart (62) und seine Frau (50) erkrankten vor rund einer Woche. „Ich fühlte mich matt, meiner Frau ging es schlechter.“ Sie wandten sich an ihren Hausarzt. „Er hat uns Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausgestellt und uns ans Testzentrum verwiesen“, sagt der Trambahnfahrer. Doch auf der Theresienwiese die böse Überraschung: „Wir wurden abgewiesen, weil wir keine Bestätigung vom Arzt hatten!“ Hatten sie doch, widerspricht der Hausarzt auf Buchharts Nachfrage. „Er sagt, dass er durch die Krankschreibung bestätigt habe, dass wir Symptome haben“, berichtet Buchhart.
Der Münchner versteht die Welt nicht mehr: „Mit Symptomen werde ich beim Arzt nur nach negativem PCR-Test untersucht. Den PCR-Test bekomme ich aber nur mit einem separaten Schreiben vom Arzt!“ Laut GSR müssen sich „symptomatische Personen“ beim Hausarzt testen lassen. Eine solche Testung sei kostenfrei. Das Ehepaar machte einen PCR-Test in einem anderen Testzentrum. Ergebnis: beide positiv!
Das Paar ist froh, dass es kaum Leute getroffen hat. Dennoch: „Mich ärgert es, dass das System so unflexibel ist. Wir waren zwei Tage in Ungewissheit, in denen wir jemanden hätten anstecken können“, klagt Buchhart.