Der Zug der Pendler

von Redaktion

Report aus der S4 – Hunderttausende täglich unterwegs

Tobias Engel kommt aus Gröbenzell: Er jobbt als Schankkellner im Hirschgarten.

Chiara Sauer wohnt in Fürstenfeldbruck und studiert in München.

Florian Sprenger pendelt täglich von Fürstenfeldbruck nach München.

Der Landkreis Fürstenfeldbruck liegt auf Platz zwei der oberbayerischen Kreise mit den meisten Einpendelnden nach München. © Marcus Schlaf

Äußerlich sieht er ganz entspannt aus. Florian Sprenger, weißes Businesshemd, dunkle Brille, sitzt in der S4, nippt an einem Kaffeebecher, liest „Zorn“, einen Krimi von Stephan Ludwig. Doch innerlich brodelt es. „Heute bin ich maximal genervt von der S-Bahn“, sagt der 46-Jährige. Wegen einer Signalstörung blieb er in Pasing hängen. Und machte sich deshalb schnell wieder auf den Rückweg. „Ich fahre jetzt nach Hause und arbeite ausnahmsweise im Homeoffice.“ Schon trudelt die S-Bahn in seinem Heimatbahnhof ein. „Nächster Halt: Fürstenfeldbruck“, tönt es aus den Lautsprechern.

Sprenger gehört zu den 37 567 Pendlern, die täglich aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck nach München fahren, um dort zu arbeiten. FFB liegt mit 13,3 Prozent auf Platz zwei der oberbayerischen Kreise mit den meisten Einpendelnden in die Landeshauptstadt, Spitzenreiter ist der Landkreis München. Das geht aus neuen Zahlen der Stadt hervor – siehe auch Text unten. Die Statistik zeigt: Tag für Tag sind Hunderttausende Leute unterwegs aus den Landkreisen in die Stadt und andersrum. Was das alles konkret und im Alltag bedeutet, erleben wir in der S4, also in einer der Pendler-Hauptlinien.

Florian Sprenger arbeitet als Teamleiter in einem Kundenservice mitten in der Stadt. Er wohnt aber in Fürstenfeldbruck, hier ist er aufgewachsen und kleben geblieben. „Für drei Jahre war ich in Berlin“, erzählt er. Ein kurzes Intermezzo. Schnell kam er zurück. Er kann sich nicht vorstellen, woanders zu leben: „Hier wohnen alle meine Leute.“ Familie, Freunde. Und die nehmen die Pendelei nach München auch gern in Kauf. Man sei schnell in der Natur. In seiner Freizeit fährt der 46-Jährige oft mit dem Radl durchs Emmeringer Hölzl, geht an der Amper baden. „Früher bin ich jeden Tag mit dem Auto nach München in die Arbeit gefahren.“ Als sein Auto vor zwei Jahren beim TÜV durchrasselte, stieg er auf die S-Bahn um. Das Deutschlandticket wurde eingeführt. Seitdem genießt er das staufreie Leben.

Am Bahnhof Fürstenfeldbruck sitzt Chiara Sauer auf einer Bank und wartet auf die nächste S-Bahn in Richtung Innenstadt. Sie muss eine Vorlesung besuchen, die 25-Jährige studiert in München Psychologie. Momentan wohnt sie noch bei ihren Eltern in Fürstenfeldbruck. Eine Wohnung mitten in München – ausgehen, feiern – wäre zwar schön, aber zu teuer, klagt sie. Ihre Kommilitonen bezahlen zwischen 700 und 900 Euro Miete für ein WG-Zimmer. Manche schlafen erst mal ein Jahr auf der Couch bei Freunden, bis sie ein Zimmer finden. „Pendeln nervt schon“, gesteht Sauer. Für ein Seminar hin- und herzufahren: Das sei mühselig. Andererseits genießt sie die „ländliche Natur“ in Fürstenfeldbruck. „Ich komme gern raus aus der Stadt.“ Und die Zeit im Zug nutzt sie oft zum Lernen.

Als Schankkellner im Hirschgarten jobbt Tobias Engel aus Gröbenzell. „Ich bin der, der das Bier ausschenkt“, erklärt der 20-Jährige und lehnt sich in seinem S-Bahn-Sitz zurück. Eines Tages, wenn er mal mehr Geld verdiene, würde er schon gerne in München leben und auf die Pendelei verzichten. Mal sehen, was seine nächste Station ist.
MARLENE KADACH

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