MÜNCHNER FREIHEIT

Die Kunst des Nichtausflippens

von Redaktion

Neulich im Trampolinpark. Ich, eine Freundin, unsere beiden Jungs. Nach ein paar Salti, Apfelschorlen und mütterlicher Selbstüberschätzung in der Kaffeelounge kam mein Sohn zu mir – sichtbar aufgebracht. „Mama, da hat eine Mutter gesagt, ich hätte mich vorgedrängelt.“ Es ging um ein Trampolinspiel. Ein Kind war kurz weg, hatte aber – laut meinem Sohn – nichts gesagt. Er nutzte die Gunst der Stunde und sprang rein. Spielregeln des Lebens, dachte er: Weggegangen – Platz vergangen. Aber dann kam die Mutter des anderen Kindes. Und belehrte meinen Sohn im besten „Erziehungsberatung für fremde Kinder“-Tonfall: „Hey, nicht vordrängeln.“ Mein Sohn war empört. Zu Recht. Er wollte Gerechtigkeit. Er wollte Rückendeckung. Er wollte, dass ich etwas sage.

Und ich? Ich wollte einfach nur gehen. Aber gut. Pädagogischer Ernstfall. Also: Körperspannung aufrecht, Stimme freundlich, Gesicht neutral – und auf zur Mutter, in Begleitung meines Sohnes und seines Freundes als Zeugen. Ich erklärte ruhig, dass mein Sohn es unfair fand, wie mit ihm gesprochen wurde. Die Mutter: „Er hat sich vorgedrängelt.“ Ich: „Wir haben einen Zeugen.“ Der Zeuge – goldrichtig, höflich: „Ich hab’ nicht gesehen, dass er gedrängelt hat, aber das andere Kind war weg und kam dann wieder.“

Was folgte, war keine Diskussion, sondern eine Folge von Sätzen wie „Ich bin erwachsen, ich diskutiere nicht mit Kindern“, „Ich mag keine Lügen“ und mein persönliches Highlight: „Ich feiere übrigens gerade den Geburtstag meines Sohnes. Tschühüüüüüss.“ Sie ging. Natürlich ging sie. Manche Menschen beenden Konflikte gern mit Kuchen in der Hand und dem letzten Wort im Gepäck. Mein Sohn war frustriert. Ich war wütend. Aber ich versuchte, ihm zu erklären, dass man manchmal recht hat – und trotzdem kein Recht bekommt und dass manche Erwachsenen nicht unbedingt als Vorbilder taugen. Auch wenn sie lauter reden und manchmal nur so tun, als wären sie reifer. Dass es wichtig ist, für sich einzustehen.

Dass ich die Frau innerlich als dumme Gans abgestempelt habe, habe ich für mich behalten. Stattdessen habe ich meinem Sohn gesagt, dass ich stolz auf ihn bin. Weil er fair geblieben ist. Und weil er sich nicht hat einschüchtern lassen – weder von der Mutter noch von dem Geburtstagskuchen auf der Flucht. Wir gingen raus, mein Sohn etwas größer als vorher, ich etwas ruhiger – die Kunst des Nichtausflippens mal wieder gemeistert.