Ein Schwabinger Jungfilmer aus unvordenklichen Zeiten hat mir einmal gesagt, dass er fest von seiner Unsterblichkeit überzeugt sei. Ich habe ihn nur gefragt, ob er sonst noch einige Tassen im Schrank habe. Da antwortete er mir plötzlich mit wissenschaftlicher Nüchternheit: „So etwas kann man nur empirisch klären!“ Was, fragte ich mich, soll das jetzt? Das fragte ich auch ihn. „Nun ja“, sagte er, „bis auf den heutigen Tag hat sich meine Annahme empirisch belegt! Ich lebe ja immer noch!“ „Bin ich jetzt inzwischen genauso naiv?“, frage ich mich heute, denn ich glaube ernsthaft, mit Väterchen Timofej eine wirklich endlose Geschichte zu erleben. Langwierig schon, aber wirklich endlos?
Begonnen hat sie jedenfalls für mich schon vor 70 Jahren. Damals war ich noch auf der Grundschule. Und bin eines Tages mit dem aus zwei Brettern gezimmerten Holztretroller mit Hartgummireifen ins Olympiagelände gefahren, wo alles mit zerbrochenen Ziegelsteinen und unendlich viel Ziegelstaub übersät war. Mitten in dieser Ruinen- und Trümmerlandschaft lag das „kleine Paradies“, der „Garten Eden“ von „Väterchen“ und seinem „Schwesterchen“, seiner „Natascha“: ein Garten mit vielen Obstbäumen und Gemüsebeeten, mit einer Holzbaracke und einem gemauerten Wohnkabäuschen und obendrein einer Kapelle Sankt Michael zu Ehren, später auch einem richtigen Kirchlein, das nie gesegnet wurde, weil es den Münchner Katholiken zu orthodox und den Orthodoxen zu katholisch war.
Väterchen löste das Problem sehr bibelkundig, mit Johannes 17, Vers 21: „Auf dass alle eins seien“. Keine Konfession sollte das Sagen haben, sondern alle sollten eins sein. Heute würden das alle ökumenisch nennen und gerne selber erfunden haben.
Wir Lausbuben von damals hatten noch keine erhabenen Gefühle, sondern nur dreiste Pläne: Wir tratzten den frommen Mann, indem wir an sein Fenster klopften, und rannten über den Zaun wieder davon, sobald er mit grimmigen Rufen aus seiner Kapelle kam. Das war eine ganz normale Mutprobe.
Nun geschah – ich kann es nicht anders sagen – ein Wunder nach dem anderen.
Väterchen konnte nach der Kapelle noch ein Kirchlein vollenden – weil er der bayerischen Obrigkeit erzählte, dass ihm die Muttergottes dies genau so und nicht anders befohlen habe. So gelingt auch ein Schwarzbau in Bayern – und keine Behörde macht Schikanen. Dann kamen die Olympiapläne für Reitanlagen an dieser Stelle – und ein Proteststurm brach los, bis OB Hans-Jochen Vogel und NOK-Präsident Willy Daume ein Einsehen hatten: Die heiteren Spiele von München 1972 dürfen nicht mit Bürgerprotesten (!) gegen einen Kirchenabriss (!) beginnen.
Ab meinem Amtsantritt 1993 begann jedes Jahr protokollarisch mit meinen Geburtstagswünschen für Väterchen. So ging das bis zu seinem 110. Geburtstag (!) 2004. Meine Frau und ich konnten noch im Altenheim und dann im Krankenhaus mehrfach von ihm Abschied nehmen. Nach dem Brand der Kirche prasselten die Wunder nur so herein: die Brandschutzversicherung, von der außer dem „übervorsichtigen“ Mitarbeiter der Kämmerei niemand etwas wusste. Der „Geldschatz“, den Väterchen nach den Olympischen Spielen 1972 unter dem Kircherl angelegt hatte. Und jetzt, an seinem 22. Todestag, die Eintragung des gesamten Ost-West-Friedens-Gartens samt Kapelle, Wohnhaus, „Museum“ und abgebranntem Kircherl in die bayerische Denkmalliste. Es lebe das Landesamt für Denkmalschutz! Und der Wiederaufbau, der sich jetzt leichter mit Spenden originalgetreu realisieren lässt! Dank einer zufällig (!) zeitgerecht angefertigten digitalen Erfassung sämtlicher Daten des Kircherls.